Hannover Messe 2018: Die Digitalisierung wird konkreter 1

Irgendwie glaube ich jedes Jahr auf´s Neue, dass es nach der Hannover Messe ruhiger wird im Beruf. Und jedes Jahr aufs Neue stelle ich fest, dass das ein Trugschluss ist. Deshalb nun hier ein etwas verspäteter Rückblick auf die Messe. Schaut man sich die Verlautbarungen der Firmen und die Präsentationen an den Ständen an, so fällt auf den ersten Blick wenig Neues auf, viele Themen waren letztes Jahr und die Jahre davor auch schon im Gespräch. Allerdings wird das, was bisher Vision und Zukunftsmusik war, mit aller Macht zur Realität.

WAAMpeller

Der additiv gefertigte Propeller vom Autodesk-Stand ist nun auch zertifiziert (Bild: Autodesk).

Digitalisierung, ganzheitliche Ansätze, additive Fertigung, Virtual Reality: All das kennt man von vielen Messen. Doch inzwischen ist ein entscheidender Punkt überschritten, der auf den ersten Blick zunächst nicht weiter ausfällt. Ein gutes Beispiel fand sich auf dem Autodesk-Stand: Schon im letzten Jahr zeigte man dort einen Schiffspropeller, der additiv per Auftragsschweißen gefertigt wird. Der selbe Propeller war diesmal wieder zu sehen, doch der Hersteller Ramlab hat nicht mehr nur Prototypen gefertigt, die die technologische Machbarkeit zeigen, sondern diese Propeller sind nun zertifiziert und dürfen im Realbetrieb eingesetzt werden.

Aus Visionen wird angewandte Technik

Ähnliches passierte an vielen Ständen: Aus Trends und Visionen wird angewandte Technik. Die Beispiele wurden konkreter, die Anwendungen realitätsnäher. Ein weiteres Beispiel: Vor vier Jahren stand ich erstmals staunend vor Systemen, die eine Fertigungsanlage in Echtzeit simulieren und bei denen die reale Steuerung die virtuelle Maschine steuert. Inzwischen zeigen viele Anbieter solche Szenarien, manche wie Dassault Systèmes hatten sogar die entsprechende reale Maschine direkt danebenstehen.

Eher zufällig kam ich auf den Stand der japanischen iCAD Ltd., wo mir Tsuyoshi Kato zeigte, wie mit deren gleichnamigen Produktionsplanungssystem sehr schnell Anlagen geplant werden können. Der Anwender kann sehr rudimentär definierte, aus Blöcken zusammengesetzte Roboter und andere Bauteile zusammenklicken und dann die Bewegungen, die die Produkte vollziehen sollen, definieren. Das System simuliert dann nicht nur in einer Animation den Ablauf der Produktion, sondern generiert auch schon rudimentären PLC-Code, der als Basis für das Schreiben der Steuerungssoftware dienen kann. Sehr spannend, weil sehr schnell, gerade in der Konzeptionsphase. iCAD ist extrem schnell auch mit gigantischen CAD-Modellen, wie sie in der Konstruktion von Fertigungsmaschinen üblich sind.

Virtual Reality wird nutzbar

Ebenfalls mit Klötzchen wurde gebaut bei Salt & Pepper Software, die auf dem CAE-Forum-Stand zwei VR-Lösungen zeigten. Boxplan ist eine Software, mit der sich Montagestationen sehr schnell konzipieren lassen. Ziel ist nicht die fotorealistische Darstellung, sondern das schnelle Aufbauen eines Szenarios aus Klötzchen, allerdings in VR und mit physikalischer Simulation. Elemente, die man an die Kante eines Regals legt, fallen nicht nur herunter, sie prallen auch beispielsweise an einer Tischplatte auf und fallen von dort auf den Boden. Da die Konstruktion, wenn man die VR-Brille trägt, direkt vor einem auf dem Boden steht, bekommt man tatsächlich ein Gefühl für Proportionen und Entfernungen. Fragen wie „Kann ich im Sitzen Teile aus der Schäferkiste in Regal über dem Tisch herausnehmen?“ lassen sich so beantworten.

Forestage, ebenfalls von Salt & Pepper, ist sozusagen ein VR-Allesfresser. Die Software lädt relativ beliebige 3D-Formate und präsentiert sie mittels HTC Vive, Oculus Rift und Google Cardboard in VR. Ziel von Forestage ist es, Virtual Reality effizient in Arbeitsabläufe integrieren zu können, mit maximaler Kompatibilität und ohne Anpassung bestehender Software.

Bei Stratasys gab es jeweils zwei neue Materialien und zwei neue Drucker zu bestaunen. Das Unternehmen hatte schon mit den Connex-Druckern vollfarbfähige Geräte vorgestellt, der überarbeitete J750 und der neue 735 ergänzen das Angebot am unteren Ende. Beide Systeme basieren auf der PolyJet-Technologie und bieten ein neues Farbkonzept mit strahlenden Farben und über 500.000 Farbkombinationen. Der J735 ist in Bauraum und Gerätegröße jeweils etwa 50 Prozent kleiner als der J750 und entsprechend preiswerter.

Die erweiterte Software GrabCAD Print ist jetzt auch für die 3D-Drucker Connex3-Serie erhältlich. Sie verbessert die Arbeitsabläufe und das Funktionsprototyping für Bauteile, die eine Simulation von ABS-Kunststoffen und reißfeste gummiartige Bauteile erfordern.

Vero Color Stratasys

Das Teil in der Mitte wurde mit den neuen Materialien von Stratasys gedruckt – von einem gespritzen Rücklicht nicht zu unterscheiden (Bild: Stratasys).

Neue Materialien von Stratasys

Die beiden neuen Materialien VeroYellowV und VeroMagentaV bieten ein verbessertes Rot, Orange und Gelb mit weiterentwickelter Lichtdurchlässigkeit. Sie eignen sich hervorragend für Konsumgüter und Modelle, die Autolampen und Gehäuse nachbilden. Auf der Messe hatte Stratasys als Beispiel ein Rücklichtglas mit den typischen gelben und roten Bereichen, das praktisch nicht von einem echten Rücklicht zu unterscheiden war. Ich musste sofort an die sehr teuren Rücklichtkappen meines Oldtimers denken, die sich mit den neuen Farben problemlos drucken lassen dürften.

Mein Eindruck von der Messe war gut, obwohl es auch in diesem Jahr nicht wirklich gelang, die Digital Factory sauber gegen die anderen Stände in der riesigen Halle 6 abzugrenzen. Die Stimmung war gut, die Hallen waren am Dienstag gut gefüllt. Wenn es im nächsten Jahr so weitergeht und vielleicht auch PTC sich zur Rückkehr entscheiden würde, bin ich zufrieden.

One comment on “Hannover Messe 2018: Die Digitalisierung wird konkreter

  1. Pingback: Stratasys J750: Vollfarbdruck für Rückleuchten an Prototypen bei Audi

Leave a Reply

  

  

  

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: