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Future Machinery Kongress – Licht ins Dunkel von Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist ein schwammiger Begriff, ich hatte mich ja auch schon mit dem Sinn und Unsinn davon beschäftigt, eine Revolution in vorhinein auszurufen. Die Kollegen von der ke NEXT veranstalteten am 29./30. Oktober einen Kongress in Karlsruhe, der Licht ins Dunkel dieses Themas bringen sollte.

Industrie 4.0 hat ein riesiges Marktpotential
Industrie 4.0 hat ein riesiges Marktpotential

Chefredakteur Wolfgang Kräußlich eröffnete die Veranstaltung mit einem kurzen Vortrag und einer Umfrage auf der letztjährigen SPS-Messe, bei der sich zeigte, dass das Thema – und schon alleine der Begriff „Industrie 4.0″ an sich – viel weniger bekannt ist als viele annehmen. Industrie 4.0 ist in Bereichen wie der IT oder der Produktion stärker bekannt als in der Automation. Kräuslich zeigte, dass die Revolution und die vielbeschworenen Cyberphysikalischen Systeme schon Realität sind – Navigationssysteme und beispielsweise Tankstellen-Apps verknüpfen virtuelle Daten und reale Werte, personalisierte Handyschalen oder Bücher sind typische individualisierte Produkte, die in einem gekoppelten, automatisierten Prozess hergestellt werden.

Es folgte eine Reihe von Vorträgen, in denen zwei Dinge deutlich wurden – es handelt sich um eine Evolution, keine Revolution. Und sie ist schon da. Prof. Dr.-Ing Jasperneite vom Fraunhofer IOSB-INA erläuterte, wie die Region Ostwestfalen-Lippe im Projekt it’s OWL an der Thematik arbeitet. Eines der Projekte in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung einer neuen Steuerungsphilosophie: Bisher arbeiten Steuerungen „reflexhaft“ – auf ein Ereignis wird mit einer vorprogrammierten Aktion reagiert. Die Zukunft sind Steuerungen, die assoziativ und kognitiv arbeiten, die Änderungen im Ablauf erkennen, und sich darauf adaptieren. Dies kann beispielsweise bedeuten, dass eine neue Arbeitsstation in die Anlage eingebaut wird, woraufhin sich die Anlage selbst neu konfiguriert. Entscheidend dafür sind informierte Menschen, Produkte und Maschinen. „Die besten Zukunftsaussichten haben diejenigen, die andere zu Industrie 4.0 befähigen.“

Prof. Abramovici von der RUB zeigte, dass die heutigen Strukturen von PLM-Systemen für Industrie 4.0 denkbar ungeeignet sind, sie sind zu starr – siehe auch mein Beitrag hier. Unter anderem müssen die heute üblichen relationalen Datenbanken In-Memory-Datenbanken weichen, die den riesigen Datenmengen, die aus intelligenten Produkten ins Unternehmen zurückfließen, gewachsen sind.

Ein Vortrag von Bosch Rexroth zeigte die Bandbreite von Projekten, die bei diesem Unternehmen unter dem Label Industrie 4.0 laufen, von der mit RFID optimierten Logistik bis zu Handarbeitsplätzen, die den Werker erkennen, der an ihnen arbeitet und die sich an die Bedürfnisse dieses Werkers anpassen.

141030_FutureMachinery_1Prof. Martin Eigner von der TU Kaiserslautern betätigte sich als „Advocatus Diaboli“ und zeigte, dass Industrie 4.0 beziehungsweise die in entsprechenden Initiativen in anderen Ländern in Deutschland relativ langsam vor sich geht. Viele deutsche Unternehmen seien noch nicht einmal „Mechatronik-fähig“, wobei die Mechatronik eine unabdingbare Voraussetzung für Industrie 4.0 ist. Cybertronik, die Fortsetzung von Mechatronik mit dem Hinzukommen der Software, sei daher kaum zu beherrschen. Kaum ein Unternehmen habe eine vollständige Integration von PLM und ERP geschaffen.

Prof. Eigner spricht meiner Meinung nach hier einen sehr wichtigen Gesichtspunkt an: Will man die Idee von Industrie 4.0 wirklich umsetzen, betrifft dies das gesamte Unternehmen, viel zu oft wird Industrie 4.0 vor allem von der Produktion her gedacht. Doch das Thema erfasst mit Smart Products auch die Konstruktion, Daten aus dem Produkt sollen an die Konstruktion zurückfließen – und das bedingt eine nahtlos integrierte IT-Struktur bis eben zurück ins PLM-System.

Prof. Dr. Wegener von Siemens schlug in dieselbe Kerbe, indem er darstellte, was „Realtime“ in den Bereichen Office und Shopfloor bedeutet: In der Fertigung (Shopfloor) bedeutet Echtzeit Abläufe im Millisekundenbereich, die synchronisiert sind, im Office (ERP/PLM-Bereich) wird Echtzeit n Minuten oder Stunden gemessen und betrifft asynchrone Prozesse.

Wegener zeigte, dass der Bereich Internet of Things (IoT) „nichtdestruktiv“ ist, das heißt, bestehenden Marktteilnehmern neue Chancen zu bieten, während das Internet of Services (IoS) destruktiv ist, bestehende Marktstrukturen werden von neuen Servicemodellen hinweggefegt – siehe den Kampf des Taxigewerbes gegen den Internetkonkurrenten Uber.

In vielen Vorträgen klang an, dass Industrie 4.0 eine Evolution ist, die aber an vielen Stellen Revolutionen bedingt und auslöst – von der Firmen-IT bis hin zu neuen Marktteilnehmern aus ganz anderen Bereichen und neuen Geschäftsmodellen. Industrie 4.0, IoT, IoS werden kommen und unweigerlich den gesamten industriellen Sektor erfassen. Unternehmen, die sich mit dem Thema nicht befassen und eine entsprechende Strategie entwickeln, werden im schlimmsten Fall hinweggefegt. Kongresse wie Future Machinery helfen dabei, sich eine Meinung zu bilden und sich auf diese Entwicklung vorzubereiten.

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