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AU Darmstadt Teil 1: Warum der Begriff „CAD“ eine Lüge ist

The Future of Making Things – Nichts weniger als die Zukunft der Fertigung war das Motto der Autodesk University Deutschland, die am 23. und 24. Oktober in Darmstadt stattfand. Autodesk-CEO Carl Bass ist jemand, der sich über moderne Fertigungsverfahren und deren praktische Anwendung viele Gedanken macht und auch seine Mitarbeiter dazu anstiftet, an realen Projekten zu arbeiten. Bass‘ tiefer Einblick in die Prozesse in der Produktentwicklung zeigte sich unter anderem in seiner Eröffnungsansprache.

Full House: Über 1.200 Besucher trafen sich zur AU im Darmstadtium
Full House: Über 1.200 Besucher trafen sich zur Autodesk University im Darmstadtium

Autodesk und die vier Stufen der Fertigung – Capture…

Carl Bass sprach von vier Stufen des Fertigens: Capture, Compute, Collaborate und Create. Für ihn beginnt der Prozess mit der Aufnahme der Realität, in die das neue Produkt integriert werden soll – Capture. Autodesk unterstützt dies in seinen Produkten, so kann Fusion 360 mit Punktewolken umgehen und diese in bearbeitbare Körper umwandeln. Laserscanner sind nach Bass‘ Worten inzwischen so preiswert, dass erste Unternehmen einen solchen Scanner auf ein fahrerloses Transportsystem montieren und einmal die Woche die Fertigungshalle abfahren lassen, um jederzeit ein aktuelles 3D-Modell der gesamten Halle zur Verfügung zu haben.

…Compute…

Unter dem Stichwort Compute hob Bass vor allem auf das Thema Cloud ab: „Wie anders würde man arbeiten, wenn Computing kostenlos wäre?“ Rechenzeit wird immer preiswerter und der weitere Preisverfall ist abzusehen, derzeit kostet die CPU-Stunde vier Cent. Das bedeutet, dass man für überschaubare Kosten viele – fast unendlich viele – CPUs parallel rechnen lassen kann, beispielsweise, um Produkte zu optimieren. In der bisherigen Welt wurden solche Optimierungen oft unterlassen, weil die Rechenzeit zu lang war.

Carl Bass - immer zu einem Gespräch über 3D-Druck und andere Visionen bereit.
Carl Bass – immer zu einem Gespräch über 3D-Druck und andere Visionen bereit.

Bass nannte den Begriff „Computer Aided Design“ falsch – schließlich helfe der Computer nicht bei der Konstruktion nicht, sondern warte nur auf die Ideen des Konstrukteurs. Mit Hilfe von Generative Design – also der Erstellung und Optimierung von Geometrien auf Basis von Lastfällen – könne der Computer den Konstrukteur tatsächlich aktiv unterstützen – die Cloud liefert die dazu nötige Rechenleistung. Wenn Rechenleistung sozusagen im Überfluss vorhanden ist, kann der Rechner sogar „im Voraus“ arbeiten, beispielsweise regelmäßig Renderings anfertigen, in der Hoffnung, dass der Anwender genau dies benötigt.

…Collaborate…

Auch zum Bereich Collaborate findet sich ein nachdenkenswertes Zitat in Bass‘ Rese: „Warum sollten wir mehr über das Fußballspiel unseres Neffen wissen als über die Projekte, die in unserer Firma laufen?“ Mit A360 – bisher unter dem Namen Autodesk 360 bekannt – bietet Autodesk einen zentralen Anlaufpunkt in der Cloud, wo sich alle Projektbeteiligten oder Firmenmitarbeiter über die aktuellen Projekte austauschen, Daten herunter- oder hochladen, bearbeiten und ansehen können. Das Ganze sieht bewusst etwas nach Facebook aus, mit Kommentarmöglichkeiten, Chat und anderen Interaktionsfunktionen.

Zum Thema der vor allem in Deutschland verbreiteten Sicherheitsbedenken zeigte Bass ein Bild von Edward Snowden, der vor allem eins bewiesen habe: Dass sogar in einer mit allen Sicherheitslücken und -technologien vertraute Institution wie die NSA ein einzelner Menschen alle Systeme aushebeln kann. Das größte Risiko, der Mensch, sei durch keine Maßnahmen zu stoppen – wenn das Unternehmen und die Mitarbeiter noch arbeitsfähig sein sollen. Er zitierte eine Umfrage unter deutschen IT.-Verantwortlichen, die einerseits große Sicherheitsbedenken beim Cloudthema hatten, andererseits gehen bei den gleichen Befragten 50 Prozent der IT-Investitionen ins Thema Cloud.

…und Create

Create ist eines der spannendsten Themen zur Zeit, weil sich unter anderem mit der additiven Fertigung ganz neue Möglichkeiten ergeben, er verwies unter anderem auf die DMG-Maschine, die additive und subtraktive Technologien vereinigt, WIG-auftragsschweißt und fräsbearbeitet. Eine weitere, zukünftige Technologie ist biologische Fertigung, Bass zeigte das Beispiel eines Hauses, das aus Pilzen „gewachsen wurde“.

Carl Bass und Roland Zelles, Geschäftsführer DACH, präsentieren den Spark. Den "haarige Hasen" habe ich vergrößert, bitte aufs Bild klicken für volle Auflösung.
Carl Bass und Roland Zelles, Geschäftsführer DACH, präsentieren den Spark. Den „haarige Hasen“ habe ich vergrößert, bitte aufs Bild klicken für volle Auflösung.

Natürlich sprach Bass auch über Spark, die kommende Soft- und Hardwarelösung für den 3D-Druck. Von der Software war noch nichts zu sehen, im Presseraum zeigte Autodesk jedoch einen Spark-Drucker. Es handelt sich, wie ich hier spekuliert habe, tatsächlich um einen Stereolithographiedrucker, bei dem das Bauteil über Kopf entsteht. Die Konstruktion und interessanterweise auch die Materialien werden als Open Source veröffentlicht, Autodesk will die Technologie vorantreiben. Die gezeigten Teile sind extrem detailliert, so zeigte Bass einen Stanford-Hasen mit Haaren, die sehr filigran gedruckt waren.

Es war wie immer ein Vergnügen, Carl Bass zuzuhören, dieser Mann lebt die Unternehmensvisionen und Philosophie wirklich und er hat ein profundes Verständnis von den Herausforderungen, denen sich Produktentwickler und andere Kreative täglich stellen müssen.

Für alle Auszubildenden vom Schüler bis zum Studenten und alle entsprechenden Institutionen hatte Bass noch ein Schmankerl mitgebracht: Ab sofort können diese das komplette Autodesk-Programm kostenlos herunterladen und benutzen. Mich erinnert das an die „alten Zeiten“ meines Studiums, in denen Autocad noch ohne Dongle lief und praktisch jeder Maschinenbaustudent eine Version auf dem Rechner hatte. Natürlich waren alle diese Versionen illegal, aber Autodesk bekam so eine gut ausgebildete Anwenderschaft, die ja einst in einem Unternehmen arbeiten und eventuell für die CAD-Beschaffung zuständig sein würde. Meiner Meinung war das eines der Kernelemente des damaligen Erfolgs von Autocad. Wenn dies nun legal und ohne größere Bürokratie möglich ist – umso besser.

Im zweiten Teil des Artikels von der AU berichte ich über eine interessante Podiumsdiskussion, die im Rahmen der AU für die Presse stattfand.

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