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3DExperience.Works: SolidWorks und 3DExperience wachsen zusammen

Die Version SolidWorks 2020 bringt keine neuen, aufregenden Module wie PCB oder CAM und ist wie im letzten Artikel beschrieben – für sich genommen eher ein Performance- und Effizienzupgrade. Zu einem Meilenstein wird SolidWorks 2020 jedoch durch die Anbindung an die 3DExperience-Plattform der Muttergesellschaft Dassault Systèmes unter dem Namen 3DExperience.Works.

3DExperience.Works
Schon zur SolidWorks World zeigte das Unternehmen seine neuen 3DExperience.Works-Angebote.

Seit im Jahr 1997 der Catia-Hersteller Dassault Systèmes mit SolidWorks den Shootingstar der Branche gekauft hat, existieren in der SolidWorks-Szene die Bedenken, vom „großen Bruder“ geschluckt zu werden. Man hatte das Beispiel Solid Edge vor Augen, das ebenfalls von einem High-End-Hersteller – in diesem Fall Unigraphics, heute Siemens Digital Industries Software – gekauft wurde und jahrelang im Portfolio der Konzernmutter mehr oder weniger mitlief. Dassault Systèmes hingegen hielt die Füße still, ließ SolidWorks an der langen Leine agieren und freute sich am wirtschaftlichen Erfolg der US-Tochter, die relativ beständig etwa ein Viertel des Jahresumsatzes von Dassault Systèmes lieferte.

Erst vor einigen Jahren entdeckten viele Anwender, dass Ihr geliebtes SolidWorks eigentlich schon viele Jahre in französischer Hand ist. Etwa um 2010 wurde die Muttergesellschaft immer stärker sichtbar, zuerst mit Auftritten von DS-CEO Bernard Charlès auf der SolidWorks World, später mit der Umbenennung des Unternehmens in Dassault Systèmes SolidWorks und dem langsamen Verschwinden der roten Farbe von den Messeständen. Groß war der Aufschrei, als es Gerüchte gab, SolidWorks werde auf eine Art Catia-light umgestellt – was sich seit heute nicht bewahrheitet hat.

Doch wie alle Verschwörungstheorien hat auch die von Dassault Systèmes, die das arme SolidWorks frisst und die Anwender zu Catia nötigt, einige wahre Aspekte. Natürlich wäre es regelrecht schwachsinnig, wenn SolidWorks die im Mutterhaus vorhandenen, fraglos interessanten Technologien nicht nutzen würde, wenn es Sinn macht. Und dass es viele Jahre keine vernünftige Schnittstelle – oder nur eine sehr teure – zwischen SolidWorks und Catia gab, wurde oft als Versuch angesehen, SolidWorks-Anwender, die Catia-Daten abliefern müssen – beispielsweise in der Automobilindustrie – zum Umstieg auf das DS-System zu nötigen. Inzwischen hat sich gezeigt, dass Dassault Systèmes SolidWorks ganz offensichtlich nicht plattmacht, ständig weiterentwickelt und dass das System wohl noch viele Jahre weiterbestehen kann. Die US-Tochter ist zwar organisatorisch immer stärker in den Mutterkonzern integriert worden, aber das System selbst wurde lange Jahre nicht an die Dassault-Systèmes-Welt herangeführt.

Diese Tabelle habe ich bei Engineering.com gefunden, die Angebote unter dem Querstrich sind die neuen Angebote. Allerding stimmen manche Namen nicht (Bild: Dassault Systèmes).

Doch die Zeiten ändern sich und der Trend geht weg vom Standalone-CAD-System hin zur Einbettung der Produktentwicklungsumgebung in größere Strukturen. Nicht mehr die Bauteilmodellierung steht im Vordergrund, sondern der Prozess. Und dafür sind Strukturen und Funktionen notwendig, die SolidWorks bisher nicht anbieten konnte. Zudem ist das Thema Cloud in den Köpfen angekommen, die Furcht vor der Auslagerung von Daten hat abgenommen und die Vorteile der Cloud, unter anderem für Collaboration oder bei der Simulationsberechnung, werden allgemein verstanden.

Und genau hier kommt eines der Argumente von oben zum Tragen: Wieso sollte man bei SolidWorks in Boston komplexeste Dinge entwickeln, wenn man bei Dassault Systèmes in Vélizy eine komplette Plattform „mit allem Zipp und Zapp“ schon fertig dastehen hat? Offensichtlich waren die SolidWorks-Verantwortlichen in Frankreich „shoppen“ und haben eine ordentliche Tasche voll 3DExperience.Works mitgebracht. In der Tasche fanden sich dann Teile von Enovia, Simulia, 3DSWYM, Marketplace und Exalead.

Doch nun weg von der geschichtlichen und philosophischen Betrachtung und in medias res: Auf der SolidWorks World 2019 wurden die 3DExperience.Works-Erweiterungen für SolidWorks vorgestellt, es haben sich inzwischen leichte Namensänderungen ergeben. Das ERP/MES-Angebot von IQMS aka DelmiaWorks findet sich übrigens inzwischen seltsamerweise nicht auf der SolidWorks- sondern auf der Dassault Systèmes-Website.

SolidWorks lässt sich an eine Unterauswahl der Plattform ankoppeln, dabei konzentriert sich die Auswahl auf die oben erwähnten Bereiche Datenmanagement und Simulation. Die 3DExperience PLM Collaboration Services ermöglichen zum einen den Austausch von SolidWorks-Modellen über die Plattform, wobei die 3DExperience, wie Uwe Burk auf der Pressekonferenz sagte, einen großen Vorteil gegenüber Dateiablagesystemen wie Dropbox hat: Die Plattform versteht das SolidWorks-Datenformat und kann beispielsweise Metadaten oder auch Vorschauen extrahieren. So ist die Kollaboration wesentlich einfacher.

Zum anderen bietet der 3D Component Designer die Verwaltung von Produktkonstruktionen und Dokumenten, Lebenszyklus-Operationen wie Überarbeiten, Freigeben und Sperren/Entsperren können direkt über SolidWorks Desktop angestoßen werden. Project Planner verwaltet Projekte und Aufgaben.

SolidWorks xShape hat unter dem Namen 3D Sculptor seinen Weg ins neue Portfolio gefunden (Bild SolidWorks).

Nebenbei erschließt sich SolidWorks-Anwendern damit auch der 3DExperience-Marketplace, der direkten Zugriff auf Zulieferer bietet, die beispielsweise 3D-Druckdienstleistungen anbieten. Die Plattform vermittelt dabei die 3D-Daten nahtlos zwischen dem Besteller und dem Lieferanten. 3DExperience.Works bietet darüber hinaus PDM-Funktionalitäten, die die 3DExperience-Plattform im Enovia-Portfolio reichlich bereithält.

Mit der Anbindung an Simulia – die es in den Darreichungsformen Structural Professional Engineer und Simulia Structural Simulation Designer gibt – erhält der Anwender nicht nur Zugriff auf einen der mächtigsten Solver auf dem Markt, sondern er kann zudem die Leistungsfähigkeit der Cloud nutzen. Startet er eine Simulation, werden die Daten in die Cloud übertragen und in Simulia berechnet; die Ergebnisse fließen dann wieder zurück. Hinter den neuen Angeboten 3D Sculptor und 3D Creator verbergen sich die bisher unter xShape und xDesign bekannten Cloud-Modelliersysteme.

Business Innovation und Industry Innovation sind weitere Bestandteile der 3DExperience.Works-Plattform, die an SolidWorks angebunden werden können. Mit Business Innovation erstellen Teams Dashboards und Communitys, können Daten sammeln und gemeinsam nutzen und Mitarbeiter und Daten zentral vernetzen, um so die Zusammenarbeit, Agilität und Markteinführungszeit zu verbessern. Wem diese Namen irgendwie bekannt vorkommen – ja, die neuen Angebote sind nichts anderes als 3DExperience-Rollen.

Industry Innovation bietet (Zitat von hier) für alle produktbezogenen Inhalte eine Reihe wertvoller Apps für eine sichere und strukturierte Datenverwaltung in Echtzeit. Dies ermöglicht eine sichere Zusammenarbeit in Echtzeit, immersive Informationsdienste für des Unternehmen, um wesentliche Geschäftsinteressen zu verwalten, sowie eine einfache Aufgabenverwaltung und -organisation.

Das Sympathische an dieser Entwicklung ist für mich, dass die bisherigen Angebote in diesem Bereich – SolidWorks Simulation und SolidWorks PDM – nicht ersetzt werden, sondern eine Erweiterung in die Cloud und auf die Plattform erfahren. SolidWorks schafft es so, eine Balance zu finden zwischen den Anwendern, die Ihr SolidWorks so haben möchten wie bisher – lokal, mit den eng verzahnten Zusatzmodulen, die das Ecosystem bietet – und denjenigen, die die Annehmlichkeiten und Möglichkeiten der Plattform nutzen möchten.

Allerdings zeigen schon die Beschreibungen der 3DExperience.Works-Module beziehungsweise -Rollen, dass die einzelnen Bestandteile erklärungsbedürftiger als früher sind. Mit dem Schritt in die Welt der 3DExperience wird der Consulting-Aufwands sicher höher werden als bisher in der überschaubaren, klar strukturierten SolidWorks-Welt. Aber ich bin guter Dinge, dass die wirklich hervorragenden SolidWorks-Reseller darauf reagieren und ihre Mitarbeiter entsprechend schulen. Vor der neuen Welt muss also niemandem bange sein.

Und über die 3DExperience-Plattform gibt es jetzt übrigens auch einen direkten Weg von SolidWorks hinüber zu Catia ;-).

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