Digital Factory auf der Hannover Messe: Bitte mehr Fokus!

Montag und Dienstag war ich zwei vollgepackte Tage lang auf der Hannover Messe und verbrachte praktisch die gesamte Zeit in der Leitmesse Digital Factory. Die Vorberichte hörten sich gut an, auch ich berichtete auf Basis der Pressemeldungen der Messegesellschaft positiv. Die Stimmung auf der Messe war auch wirklich gut – nach einem eher verhaltenen Montag brummte die Digital Factory am Dienstag vor Besuchern. Trotzdem muss ich mich zur Aufteilung und der Platzierung der CAx-Firmen innerhalb der Digital Factory auslassen, denn ich sehe da nicht nur Verbesserungspotential, sondern die Gefahr des Scheiterns der Digital Factory.

Geländeplan der Digital Factory der Hannover Messe

Die CAx-Anbieter fanden sich in dem Drittel der Halle 6, das der Digital Factory (hier im Plan in hellblau markiert) zugeschlagen wurde (Bild: Hannover Messe).

Begonnen hat es schon im letzten Jahr: Microsoft buchte einen gigantischen Messestand im Bereich der Digital Factory – damals noch in Halle 7 – was eine ganze Kaskade von Standverschiebungen nach sich zog. Manche Aussteller waren von den neuen Standplatzierungen, die ihnen von der Messegesellschaft angeboten wurden, so erbost, dass sie ihren Messeauftritt komplett stornierten. Das war beispielsweise bei dem lange Jahre sehr interessanten Messestand der Fall, auf dem sich Nvidia, 3DConnexion, CAD.de und andere präsentierten.

In diesem Jahr hatten die Schwergewichte Microsoft, Huawei, IBM, Intel und SAP den größten Teil der Halle 7 unter sich aufgeteilt, weitere Großstände wurden von Bosch Connected Industry, dem VDMA und der Software AG gebucht. Dazwischen fanden sich die MES-Anbieter und andere Einsprengsel. Die CAx-Anbieter wurden in Halle 6 abgedrängt, wo sie sich mit einer bunten Mischung von Komponentenherstellern wiederfanden. Zur Digital Factory zählte unter anderem auch hier ein großer Stand von Accenture und einer der Istanbuler Handelskammer.

IBM-Messestand auf der Hannover Messe

IBM zeigte Watson, einen Fahrsimulator und anderes IT-Klimbim – was hat das mit Digital Facory zu tun? (Bild: HAnnover Messe)

Man mag mich ja gerne altmodisch nennen, aber die Themen der Halle 7 waren für mich nicht der Kern der Digital Factory, sondern ein Schaufenster in die Welt hinter Industrie 4.0. Thematisch lag der Fokus auf Themen wie Big Data, IoT, Cloud Computing oder Consulting. Das hat ja alles irgendwie schon mit Industrie 4.0, damit auch mit Industrie insgesamt und im nächsten Gedankensprung auch mit “Factory” zu tun, aber eben wenig mit Digitaler Fabrik, Technik oder Produktentwicklung.

Es ist sicher aus Sicht der Messegesellschaft auch legitim, Themen so zu setzen, wie es sich am besten verkaufen lässt, und ich möchte der Halle 7 auch nicht die Berechtigung absprechen, unter dem Label “Digital Factory” zu segeln. Aber der Kern der Digitalen Fabrik sind meiner Meinung nach die Firmen aus dem Bereich der Produktentwicklung – und die werden zur Zeit sehr an den Rand gedrängt.

Die Digital Factory braucht einen fokussierten Kern

Wichtig wäre es, diesen Bereich zu stärken, den CAx-Anbietern ein passendes Umfeld anzubieten und den Firmen, die in diesem und im letzten Jahr nicht oder nur als Unteraussteller vor Ort waren, so attraktive Angebote, dass sie wiederkommen. Es muss doch möglich sein, PNY, 3DConnexion oder auch PTC wieder für die Digital Factory zu gewinnen oder Hardware-Schwergewichte wie HP oder Lenovo dazu zu bewegen, dass sie mit eigenem Stand anreisen.

Digital Manufacturing-Software auf dem Bildschirm

Auf dem Stand von Dassault Systèmes in Halle 6 ging es im Wortsinn um die digitale Fabrik (Bild: Dassault Systèmes).

Dann passen die Schwergewichte aus Halle 7 auch wieder ins Bild – nämlich als die logische Erweiterung der Produktentwicklung, die sie ja auch sind. Wie wäre es denn, die kleinere Halle 7 für die Produktentwicklung zu reservieren, aufgefüllt mit den MES-Anbietern und meinetwegen Bosch IoT und dem VDMA – sozusagen als “Digital Factory Core”. In Halle 6 zeigen die aktuellen Bewohner der Halle 7 dann, wie es aus der Produktentwicklung ins IoT weitergeht – das wäre dann die “Digital Factory IoT”. Da könnten dann auch die Roboterfirmen, die in Halle 17 das Digital-Factory-Fähnchen hochhielten, aus der Diaspora ins Zentrum der Factory zurückkehren. Halle 8 könnte man mit den Foren zu Industrie 4.o, dem CAE-Forum, den verschiedenen IoT-Initiativen und den Hochschulen auffüllen und schon hätte man ein rundes Angebot. Den Bereich könnte man dann als “Digital Factory Know-how” vermarkten.

Zum Glück bin ich nicht die Messegesellschaft und muss die Komponentenhersteller, die heuer den Rest der Halle 6 füllten, nicht irgendwo anders hin platzieren. Aber es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, der Digital Factory wieder ein schärferes Profil zu verpassen und die Kernfirmen des Bereichs ihrer Marktbedeutung entsprechend zu platzieren, statt diese Firmen in jedem Jahr herumzuschieben. Die Hersteller der CAx-Branche sind vor etwa einer Dekade von der CeBIT auf die Hannover Messe (zurück-)gekommen, weil sie sich nicht gut behandelt fühlten und ich kann es manchen Firmen, die der Messe aktuell ganz fernbleiben, nicht verdenken, wenn sie sich an die alten Zeiten erinnert fühlen.

Die Hannoveraner Messegesellschaft sollte daran denken: Die digitale Produktentwicklung ist der Kern der Digital Factory. Wenn man sich die Aussteller der Halle 6 wegdenkt, bleibt von der Digital Factory nicht viel übrig. Also behandelt diese Firmen ihrer Bedeutung entsprechend!

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