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Digitalisierung: Der industrielle Kern muss intakt bleiben

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten war für viele ein Schock, und tatsächlich beginnt nun eine Zeit der Unsicherheit, bis klar wird, welche Wahlversprechen Trump tatsächlich umsetzen wird und wie weit er dabei gehen wird. Trumps Erfolg basiert zu einem wichtigen Teil auf dem Versprechen, „Jobs zurückzuholen“ aus Mexiko, aber auch aus China. Die Mittelklasse-Arbeiter, die in den Stahlwerken, Kohlegruben oder Automobilwerken  arbeiteten und heute arbeitslos sind, fühlen sich als Opfer der Globalisierung – der Stahl kommt aus China, die Autos werden in Mexiko produziert. Aber ist es so einfach, mit Strafzöllen und Standpauken die Unternehmen zu zwingen, wieder in den USA zu produzieren? Die Frage ist interessant, weil sie auch unsere Zukunft in der Digitalisierung berührt: Wie lassen sich trotz Digitalisierung genügend Jobs für alle schaffen oder erhalten?

"Designed in California, Assembled in China" - die Bankrotterklärung der US-Industrie.
„Designed in California, Assembled in China“ – die Bankrotterklärung der US-Industrie.

Donald Trump hat besonders viele Anhänger bei denen, die unter der „ersten Digitalisierung“ der USA gelitten haben. Wie Kollege Uli Sendler schön dargestellt hat, ist die dritte industrielle Revolution in Deutschland und in den USA fundamental unterschiedlich verlaufen. Deutschland nutzte die Einführung von Computertechniken in den Siebziger Jahren dazu, Fertigungsprozesse zu optimieren und zu automatisieren, beispielsweise mit speicherprogrammierbaren Steuerungen und Robotern. Im Zentrum stand sozusagen die Hardware.

Die USA entschieden sich im Gegensatz dazu für die Software, hier wurden Computer dazu genutzt, Firmen wie Microsoft, Amazon, Facebook oder Google aufzubauen. Im selben Zug wurde die Fertigung verlagert und die Industrie radikal abgebaut. Zwischen 2000 und 2013 gingen über fünf Millionen Jobs in der Fertigung verloren. Die „Knowledge-based Economy“ hat beispielsweise Apple auf seinen Geräten schön definiert: „Designed by Apple in California, Assembled in China“.

Die New York Times untersuchte im Jahr 2012, warum iPhones nicht in den USA gefertigt werden. Die traurige Antwort ist, iPhones können in den USA nicht gefertigt werden. Dabei sind die billigen Arbeitskräfte nicht einmal das zentrale Argument, das iPhone würde sich lediglich um 65 Dollar verteuern, wenn  es in den USA gefertigt würde.

Das Problem ist, dass weder die gigantischen Fertigungsanlagen vorhanden sind, die Firmen wie Foxconn zu bieten haben, noch die Ressourcen an Menschen verschiedener Bildungslevel – vom einfachen Arbeiter bis zum Prozessingenieur. Alleine in Shengzen beschäftigt der Elektronikfertiger bis zu 450.000 Menschen in seinem „Longhua Campus“, der „Foxconn City“, dort werden viele Apple-Produkte gefertigt. In solch riesigen Konglomeraten – von denen Foxconn mehrere hat, insgesamt arbeiten 1,3 Millionen Menschen für den taiwanesischen Konzern – lassen sich Produktionsumstellungen oder Anpassungen sehr schnell umsetzen. 3.000 Arbeiter für eine Sonderschicht? Kein Problem, wie es in dem NYT-Artikel zu lesen ist.

Zudem kommen praktisch alle Bestandteile des iPhone aus Fabriken in der Nähe, so dass die Wege zur Fertigung kurz sind. Ironischerweise wird ausgerechnet der Prozessor vieler iPhones in einer Samsung-Fabrik in Texas gefertigt.

Donald Trump will Jobs zurückholen, aber wo sind die Arbeiter, die diese Jobs tun können? (Bild: Wikipedia/Gage Skidmore)
Donald Trump will Jobs zurückholen, aber wo sind die Arbeiter, die diese Jobs tun können? (Bild: Wikipedia/Gage Skidmore)

Das Beispiel Apple zeigt: Industrielle Fertigung ist extrem vernetzt. Es wäre also nicht damit getan, die Fertigung eines Produkts in die USA zurück zu verlagern, auch die ganzen Zulieferer müssen zurückkommen – die gesamte Lieferkette muss für moderne, flexible Herstellungsprozesse relativ nahe beieinander liegen.

Und dazu benötigt man die richtigen Mitarbeiter, die in den USA kaum mehr zu finden sind – zumindest nicht in der Menge, die eine Rückverlagerung benötigen würde. Natürlich haben sich die Menschen mit der wachsenden Deindustrialisierung von industriellen Berufen abgewandt, es würde Jahre und Jahrzehnte dauern, diese Skills wieder aufzubauen.

Fertigungsanlagen und das zugehörige Personal sind teuer, binden viel Kapital und hemmen die Flexibilität. In einem deutschen, familiengeführten, mittelständischen Unternehmen nimmt man dies in Kauf, um den Prozess und das Fertigungsknowhow im eigenen Haus zu halten. Wenn man jedoch sein Unternehmen mit dem Geld von Venture Capital-Firmen und Investoren aufgebaut hat, die ebenso schnell in Firmen ein- wie aussteigen, muss das Firmenvermögen „flüssig“ gehalten werden – die Konsequenz ist, dass solche Unternehmen die Mitarbeiterzahl und das gebundene Kapital niedrig halten und so viele Prozesse wie möglich auslagern.

Hier liegt eine wichtige Lehre für Deutschland und unseren Weg in die Digitalisierung: Was einmal weg ist, kommt nicht so schnell wieder. Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Deutschland seine Fabriken und die Arbeiter darin verliert. Die Industrie muss die Menschen mitnehmen auf dem Weg, auch wenn dabei vielleicht einmal das letzte Prozent Profit auf der Strecke bleibt. Wir müssen den industriellen Kern am Glühen halten, wie der Spiegel einmal geschrieben hat. Was nützt die ganze schöne Digitalisierung, wenn die Menschen sich nicht mitgenommen fühlen und sich populistischen Rattenfängern zuwenden?

Und die USA? Sind eigentlich auf einem guten Weg mit Präsident Obamas Initiativen zur Reindustrialisierung, die auf moderne Technologien wie Erneuerbare Energien, 3d-Druck und anderes ausgerichtet ist – deren Zukunft ist nun allerdings ungewiss. Jobs in Stahlindustrie und Kohle sind jedenfalls nicht dauerhaft zukunftsfähig.

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