PLM-Familientreffen: ProSTEP iViP Symposium 2016

In der Woche vor der Hannover Messe eine Veranstaltung abzuhalten, ist mutig – potentielle Besucher könnten sich scheuen, in zwei aufeinanderfolgenden Wochen tageweise unterwegs zu sein; viele könne  sich das wegen der Arbeitsbelastung nicht erlauben. Trotzdem konnte ProSTEP iViP-Präsident Dr. Oliver Riedel 660 Teilnehmer  zum 19. ProSTEP iViP Symposium begrüßen – 100 mehr als im Vorjahr. Wie immer war auch das ProSTEP iViP Symposium ein extrem hochkarätiges Familientreffen der PLM-Community.

"Speed beats perfection" aus dem Munde eines Daimler-Mitarbeiters - provokante Thesen auf dem ProSTEP iViP Symposium.

„Speed beats perfection“ aus dem Munde eines Daimler-Mitarbeiters – provokante Thesen auf dem ProSTEP iViP Symposium.

Ich war nun schon zum dritten Mal bei der Veranstaltung, wieder als Saalmoderator, und konnte viele bekannte Gesichter aus den Vorjahren entdecken. DasProSTEP Symposium hat sich eine treue Anhängerschaft erarbeitet, es dürfte sich kaum eine Veranstaltung finden, auf der so konzentriert, tiefschürfend und hochklassig über alle Themen rund um die Verwaltung, Speicherung und Nutzung von Entwicklungs- und Konstruktionsdaten diskutiert wird.

Hochklassig sind auch die Teilnehmer, auf den Namensschildern fanden sich praktisch alle europäischen Automobilhersteller und die großen Zulieferer sowie High-Tech-Unternehmen aus vielen anderen Bereichen. Wo sonst kann man PLM-Manager großer deutscher Premiumhersteller beim Mittagessen zusammenstehen sehen, die ihre Herausforderungen diskutieren, oder abends in der Bar Vertreter der Luftfahrtindustrie beobachten, wie sie sich in Details zukünftiger ISO-Standards vertiefen? Das ist es, was diese Veranstaltung ausmacht – Informationen auf höchstem Niveau und Gelegenheiten zum Netzwerken und zum Austausch über alle Firmengrenzen hinweg. Ein PLM-Familientreffen eben.

Wie geht es weiter beim Auto: Das große Metathema beim ProSTEP iViP Symposium

Ein Thema beherrschte viele Vorträge und Gespräche in den Pausen: Wie geht es weiter mit der Automobilindustrie in Zeiten des Internet of Things, wie beeinflussen neue Mitspieler wie Google, Apple und Co. Die Weiterentwicklung des Automobils? Von: „Die Autoindustrie wird untergehen“ bis „Das wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht“ reichte die Bandbreite der Meinungen – klar ist: Die Welt verändert sich und die Digitalisierung wird gewaltige Auswirkungen auf den Automobilsektor haben.

Ob die deutschen Hersteller gerade einen Megatrend verschlafen und damit ihre Zukunft verspielen oder durch behutsame, stetige Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen die hochfliegenden Visionen der Internetkonzerne in alltagstaugliche Lösungen umsetzen, bleib abzuwarten. Sicher ist eines: Die Gefahr, unter die Räder zu kommen, war für die traditionelle Autoindustrie noch nie so groß wie heute. Aber das gilt für alle Branchen.

Helmut Schütt von Daimler Trucks zeigte jedenfalls in seiner Keynote zum Auftakt der Symposiums einen interessanten Einblick in die Zukunft des Lastkraftverkehrs. Er begann seine Ausführungen mit den Veränderungen des Marktes im globalen Umfeld – wenn die traditionellen Märkte gesättigt sind und die Wachstumsmärkte der Zukunft Afrika und Asien heißen, braucht es nicht nur ganz neue Produkte, sondern auch neue Entwicklungsprozesse, die die Integration lokaler Partner beispielsweise in Joint Ventures in die IT-Prozesse erfordern.

Stefan Liske verstand es, die Zukunft und ihre Umwälzungen plastisch zu demonstrieren.

Stefan Liske verstand es, die Zukunft und ihre Umwälzungen plastisch zu demonstrieren.

„Trucks werden zu connected Devices“ – das ist die Marschrichtung von Daimler Trucks. So spielt die Energieeffizienz während des Betriebs eine extrem große Rolle bei TCO-Betrachtungen: IT, Verkehrs- und Routeninformationen versprechen hier sehr große Verbesserungen. Interessant sind auch die – schon weit fortgeschrittenen Entwickklungen zum teilautonomen Fahren – Daimler koppelt unter dem Stichwort Platooning mehrere LKW auf der Autobahn zu einem virtuellen Verbund, in dem die einzelnen LKW nur noch mit 15 Meter Abstand fahren statt mit 200 Meter Sicherheitsabstand. Der vorderste LKW übermittelt seine Erkenntnisse über den aktuellen Straßenstatus vor ihm – gewonnen mit einer Vielzahl von Sensoren – an die folgenden Fahrzeuge, die ebenfalls miteinander kommunizieren. So können diese in Millisekunden reagieren, wenn der vorderste LKW bremsen muss oder ein Auto in den Verbund einschert. So lassen sich nach Ansicht Daimlers die vorhandenen Straßen besser nutzen.

Der Virtual Technician, eine künstliche Intelligenz, die auf Basis der von den LKW gesendeten IoT-Daten entscheidet, ob ein Fahrzeug mit einem sich ankündigenden Defekt eine Tour zu Ende fahren kann oder sofort in die Werkstatt muss, ist eine weitere der neuen Lösung, an denen Daimler Trucks arbeitet. Das Flottenmanagement kann auf ganz andere Füße gestellt werden, wenn hunderte von Parametern jedes Autos permanent überwacht werden können. Die Ausführungen zeigten mir, dass die Thematiken vernetztes Auto und (teil-) autonomes Fahren im kommerziellen Verkehr – wo es finanziell entscheidend ist, ob die Fahrzeuge effizient genutzt und gewartet werden – mehr Sinn machen und schneller in die Praxis gelangen als im Personenverkehr.

Deutsche Ingenieure müssen mutiger und lockerer werden – wenigstens etwas

Interessant fand ich Schütts Aussagen zur Entwicklungsmethodik: „Speed beats perfection“, „from Speed to momentum“ und „Different kinds of speed“. Mit der wachsenden Bedeutung von Software und IoT müssen Kontrukteure umdenken – es ist in modernen Märkten nicht mehr möglich, jahrelang an den Details eines Produkts zu feilen, sondern oft ist es besser, eine 90-Prozent-Lösung zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt zu bringen. Denn ist der Markt erst einmal verteilt, haben Nachzügler keine Chancen mehr. Das Momentum eines Markts oder einer Entwicklung verhindert dies. Projekte haben unterschiedliche Geschwindigkeiten und es nützt nichts, alle Projekte in denselben Takt zu zwingen.

Einen sehr eindrücklichen  Ausblick in die weitere digitale Zukunft lieferte Stefan Liske von PCH Innovations, einer Innovationsagentur für Engineering, Marketing und Design, die mit allen großen Playern zusammenarbeitet. Er sieht die digitale Zukunft weit näher als wir es uns derzeit vorstellen und schloss den ersten Abend mit einem aufrüttelnden Vortrag. Auch hier war der Tenor: Wer zu spät kommt, der kann gleich zu Hause bleiben. Die Digitalisierung ist eine Woge, die jeden wegspülen, der sich nicht vorbereitet hat.

Beeindruckend waren Liskes Beispiele für die Demonetarisierung: High-Tech ist eben nicht mehr das Privileg großer, finanzstarker Konzerne: Die Preise von 3D-Druckern fielen in wenigen Jahren von 40.000 auf 1.000 Euro, bei Fertigungsrobotern ging es von 500.000 Euro auf 22.000 Euro. Solarstrom kostete 1984 noch 30 Euro pro kWh, heute noch 0,1 €/kWh. Diese Demonetarisierung versetzt auch kleine Unternehmen und Startups in die Lage, modernste Technologien zu nutzen – David ist plötzlich auf Augenhöhe mit Goliath. Liske sieht uns mitten in einer transformativen Dekade von 2010 bis 2020.

In den Vorträgen, die in drei Sälen parallel liefen, ging es dann in die Tiefe, auch hier fanden sich echte Perlen. Ich kann den Besuch des ProSTEP iViP Symposium nur empfehlen, wenn das Interesse im Bereich PLM liegt. Die nächste Gelegenheit ist am 17./18. Mai 2017 im Essener Colloseum.

Leave a Reply