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Lassen sich Journalisten kaufen?

In immer mehr deutschen Zeitschriften und Blogs finde ich diese Disclaimer, die nun offensichtlich aus den USA herüberschwappen: „Firma XY bezahlte dem Autoren die Reise zur Pressekonferenz in Z und stattete ihn mit einem Testgerät aus.“ Ja was denn sonst? Wie sollen ich oder die Verlage, für die ich arbeite, die Reisekosten zu Pressekonferenzen in den USA und die vielen Testgeräte bezahlen? Ich finde, diese Disclaimer beruhigen zwar das Gewissen des Journalisten, bringen aber für den Leser einen komischen Zungenschlag in die Berichterstattung.

Die Diskussion ist nicht neu und schwappt immer wieder an unterschiedlichen Stellen hoch: Lassen sich Journalisten kaufen? Firmen gewähren großzügige Journalistenrabatte, laden Journalisten zu weiten Reisen ein und versorgen sie mit „Dauerleihgaben“. Meist lautet die Antwort „Ja“, sie lassen sich kaufen. Ich finde: nicht unbedingt.

Nun sind die Auswüchse im Fachzeitschriftenmarkt nicht so wie bei Apple, wie es hier Richard Gutjahr von den Krautreportern beschreibt (Siehe auch hier die lesenswerte Replik von Henning Steier, NZZ). Unsere Heiligenverehrung gegenüber den CEOs und anderen wichtigen „Tieren“ bei den Firmen hält sich in Grenzen, und die Tage, in denen man die komplette Büroausstattung von den Herstellern zusammen“leihen“ konnte, sind auch lange vorbei.

Der Redakteur im Glück.
Klar hat der Termin Spaß gemacht!

Schauen wir uns doch einmal die angeführten Vergünstigungen an, beispielsweise die Reisen: Sicherlich kommt man auf Einladung der Firmen zu Events, Firmen und Orten, an die man sonst nie herangekommen wäre. Mein diesbezügliches Highlight des Jahres ist der Besuch von Morgan Motors auf Einladung von Autodesk. Ich fuhr am Montag, 9. Juni, mittags zwei Stunden nach München und flog nach Birmingham. Bis wir Journalisten im Hotel in Malvern Link waren, war es Abend, Zeit für irgendwelche privaten Aktivitäten war keine. Am nächsten Morgen Besuch bei Morgan, Testfahrt mit dem Threewheeler, Rücktransport an den Flughafen, 20:35 Uhr Ankunft im München, zwei Stunden Rückfahrt nach Friedrichshafen – um 23:00 Uhr war dann Feierabend. Eine Vergnügungsreise sieht anders aus, wobei mir der Termin natürlich viel Freude bereitet hat.

Ähnliche Terminierungen kenne ich von USA-Reisen, natürlich plus zweier mehr als zehnstündiger Flüge. Ich habe es schon geschafft, mittwochs nach Boston zu fliegen und am Freitag zurück zu sein. Wer das als Vergnügen tituliert, muss auch Hühner-Käfighaltung für einen anstrebenswerten Lebenstil halten – zumindest ich bin auf meinen vielen Reisen nur ein einziges Mal Business geflogen, und das war 1995.

Ich glaube nicht, dass mich die Firmen mit Reisen bestechen möchten – oft ist es einfach preiswerter und einfacher zu organisieren, die Journalisten in die USA zu fliegen als den CEO durch mehrere Kontinente und Pressekonferenzen zu schieben. Zudem sind Besuche wie dieses Jahr in der Workstation-Entwicklung von HP in Fort Collins für uns Journalisten oft wertvolle Hintergrunderkenntnisse. Man bekommt Gelegenheit, mit den Verantwortlichen direkt zu sprechen und es ergibt sich oft die Gelegenheit, außerhalb des formalisierten Interviewreigens – bei dem die Gegenüber oft sehr an den Vorgaben der PR-Abteilung entlang argumentieren – bei einem Bier abends mit diesen Gesprächspartnern „Tacheles“ zu sprechen. Die Ergebnisse dieser Gespräche werden Sie, lieber Leser, nie direkt erfahren, aber sie geben mir das Hintergrundwissen, neue Entwicklungen, Produkte und Visionen besser und fachkundiger einzuordnen.

Disclaimer in der c't
Disclaimer in der c’t

Zum Thema Testgeräte: Ich habe in diesem Jahr, wenn ich richtig zähle, vier bis fünf Geräte getestet. Soll ich die alle kaufen, um unabhängig zu erscheinen? Was soll ich mit den Geräten nach dem Test? Die Geräte gehen nach zwei, drei Wochen wieder zurück, mein HP ZBook 14 – das mir nach dem Test so gut gefiel, dass ich es haben wollte – habe ich mir selbst gekauft. Ich fände es schwierig, wenn meine Leser mir nur glauben, wenn ich Testgeräte selbst anschaffe. Ich denke, ich schreibe keine Jubelberichte, sondern setze mich durchaus kritisch mit dem Produkt auseinander – und weiß übrigens von keinem Unternehmen, das mich deshalb irgendwie ausgeschlossen oder nicht mehr eingeladen hätte. Apple sitzt hier offensichtlich auf einem besonders hohen Ross.

Ich wurde übrigens bis heute, in mehr als 20 Jahren journalistischer Tätigkeit in der CAD/CAM-Branche, nie bedrängt, besonders positiv zu schreiben, weil ich beispielsweise auf einer Reise war oder ein Testgerät erhalten habe. Es ist der Job meiner Gegenüber aus den PR-Agenturen und -Abteilungen, ihr Produkt und ihre Firma in einem möglichst positiven Licht erscheinen zu lassen – und es ist mein Job, hinter die Kulissen zu blicken und mich kritisch – aber nicht zwangsläufig negativ – zu äußern.

Solange beide Seiten dies wissen und berücksichtigen, steht einer sauberen Berichterstattung meiner Meinung nach nicht im Weg. Nun ist auch der Fachjournalismus im Technikbereich nicht der politische Journalismus, den ein Spiegel oder eine NZZ vertreten. Bei uns hier geht es nicht um das Aufdecken von Skandalen und Mauscheleien, sondern um das kritische Bewerten und Aufarbeiten von Produkten, Strategien und Visionen.

Ich weiß, dass ich weniger gut informiert wäre und weniger gut berichten könnte, wenn ich nicht mit den Firmen partnerschaftlich zusammenarbeiten würde. Wie ist Ihre Haltung dazu? Was erwarten Sie von mir? Über Ihre Kommentare wurde ich mich freuen!

8 Comments

  1. Christoph Sahner

    1. Wie war das noch mit dem Ast auf dem man sitzt und der Säge? Genau! Wenn ich als Unternehmensvertreter versuchen würde, Journalisten zu kaufen, dann gäbe es bald keine Äste mehr, auf denen ich sitzen könnte. Denn nur, wenn Journalisten ohne Behinderung offen berichten können, sind sie auch glaubwürdig ihrem Publikum gegenüber. Und genau das wünschen wir uns doch – sowohl als Unternehmensvertreter als auch als Leser. Ich wäre schlecht beraten, wenn ich diese Glaubwürdigkeit unterminieren würde, indem ich Journalisten unter Druck setze oder „kaufen“ möchte.

    2. Gute und/oder gar freundschaftliche Beziehungen zwischen Medien- und Unternehmensvertretern sind nicht per se etwas schlechtes. Wie im sonstigen Leben auch gilt: Freunde reden dir nicht nach dem Mund, sondern geben dir ein ehrliches Feedback. Und was gesagt wird, das verdient es. mit Respekt behandelt zu werden.

    3. Informationen sind wie Strom: Sie fließen nur, wenn es Spannung gibt. Spannung gibt es aber nur, wenn ich Unterschiede schätze und zulasse.

    Von daher halte ich es mit folgendem Ansatz: Wir laden Journalisten ein. Wir respektieren es, wenn sie dafür ein erhebliches Zeitinvestment machen. Und genau wegen diesem Zeitinvestment ist es auch unser Job, den Kolleginnen und Kollegen „auf der anderen Seite“ ein straffes Programm mit wichtigen und richtigen Informationen zu bieten. Wenn das auch noch Spaß macht – um so besser. Solange die Journalisten dabei am Steuer sitzen (siehe Bild oben :-) )

    • Ralf Steck

      Hallo Christoph,

      genau meine Meinung. Ich habe einige gute bis sehr gute Freunde unter den Unternehmensvertretern, was mich nicht daran hindert, kritisch mit deren Unternehmen und Produkten umzugehen. Wie man in den Wald ruft, so schallt es raus. Es gibt ganz wenige Dinge, die ich nicht durchgehen lasse, unter anderem den Versuch, mir Vaporware für eine Produktsensation zu verkaufen (Siehe meinen Artikel zum HP 3D-Drucker) :-). Weil ich dann vor den Lesern dumm dastehe, wenn ich es nicht merke.

      Aber glücklicherweise arbeite ich in einem Bereich, in dem es kaum wirklich schlechte Produkte gibt, so muss ich selten schimpfen. :-)

      • Ralf Steck

        …übrigens würde ich mir ja auch den Ast absägen – ein Blog wie dieses hier oder auch eine Zeitschrift müssen glaubwürdig und unabhängig sein, sonst werden sie ja nicht wahrgenommen.

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