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Kaufrausch: Stratasys kauft Grabcad

Das von den beiden estländischen Entwicklern Hardi Meybaum und Indrek Narusk gegründete Grabcad hatten wir hier schon zweimal zum Thema – einmal als Vorstellung der Teilesammlung und Community und einmal in einem Test der Grabcad Workbench. Dies sind auch zwei der drei Schwerpunkte des jungen Unternehmens, die Stratasys dazu bewogen, Grabcad zu kaufen, wie letzte Woche bekannt wurde. Der dritte Schwerpunkt sind übrigens die in Grabcad enthaltenen CAD-Viewer und -konverter.

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Die Grabcad-community ist sehr aktiv – 500.000 Modelle, 50.000 Downloads täglich (Screenshot: Grabcad.com)

Was will nun ein 3D-Drucker-Hersteller mit solch einem Unternehmen? Hätte es nicht besser beispielsweise zu Autodesk gepasst, dem Ambitionen zum Kauf nachgesagt werden? Oder zu Adobe, wie der verlinkte Techcrunch-Artikel ebenfalls nahelegte? Da haben sich einige Kollegen Gedanken gemacht, ich habe noch einen Gesichtspunkt hinzuzufügen.

Zunächst zum Kauf selbst: Stratasys und Grabcad gaben keinen Kaufpreis bekannt, es wurde in der Pressemitteilung lediglich ein „all cash“-Kauf erwähnt. Grabcad hatte von verschiedenen Finanzinvestoren 13,6 Mio. Dollar eingesammelt, diese werden sich nun über einen erklecklichen Gewinn freuen, ebenso wie die Gründer. Techcrunch und andere spekulieren, dass das Interesse anderer potentieller Käufer wie die oben erwähnten den Preis hochgetrieben hat.

Aber nun zur Frage: Was bringt Grabcad für Stratasys? Da gibt es mehrere Antworten, interessanterweise bietet Grabcad eine ganze Reihe von Dingen, die besser zu Stratasys passen als es auf den ersten Blick aussehen mag.

  1. Die Grabcad Community und Teilebibliothek: US-Analyst Randall S. Newton rechnet aus, dass Stratasys für jedes der 1,5 Mio. Mitglieder der Community bezahlt hat und findet das etwas teuer. Ich glaube, dass die 500.000 Modelle in der Grabcad-Datenbank, die die Communitymitglieder hochgeladen haben, ebenso wertvoll sind. Mit seiner Makerbot-Akquisition hat Stratasys die Online-Community Thingiverse erworben, die auf den ersten Blick sehr ähnlich ist. Schaut man etwas genauer hin, zeigen sich große Unterschiede: Auf Thingiverse finden sich hauptsächlich STL-Daten, also druckfertige, aber nicht editierbare Geometrien, auf Grabcad sind 3D-CAD-Daten die Regel, die in unterschiedlichen Formaten heruntergeladen und weiterbearbeitet werden können. Bei Thingiverse liegt der Schwerpunkt auf Gimmicks wie Yoda-Figuren, Ersatzteilen und Open Source-Hardware wie 3D-Druckern. Auf Grabcad dagegen finden sich einerseits mechanische Komponenten, die sich in eigene Konstruktionen einbauen lassen, andererseits viele – aus dem Copyright-Blickwinkel gesehen durchaus bedenkliche Modelle von Autos, Motorrädern und anderen, eher ästhetisch interessanten Dingen. Thingiverse ist was für den 3D-Druck-Freak – den Maker, Grabcad bedient Ingenieure und Renderfreaks – also mehrheitlich Profis. So ergänzt die Grabcad-Community das Thingiverse sehr gut.
  2. Grabcad Workbench: Die Zukunft der Entwicklung liegt in der verteilten Entwicklung – ob „verteilt“ nun intern über verschiedene Abteilungen und Standorte gemeint ist oder extern in einem Netzwerk von Entwicklern, Zulieferern und OEMS. Verteilte Entwicklung setzt ein Collaboration-Werkzeug voraus, über das alle Beteiligten die Daten erhalten, das den Zugriff regelt und gegenseitiges Überschreiben verhindert, das Meetings am CAD-Modell ermöglicht und nicht zuletzt alle Beteiligten auf dem aktuellsten Stand hält. Das kann man über ein PLM-System regeln oder über eine Online-Lösung wie Autodesk 360, Proom oder eben die Grabcad Workbench. Damit erhält Stratasys ein interessantes, ausgereiftes Collaboration-Tool, das unter anderem zu seinem 3D-Print-Service RedEye passt – Kunden könnten Teile hochladen, RedEye Anpassungen für den 3D-Druck vornehmen und die geänderten Daten wiederum in der Workbench dem Kunden zur Verfügung stellen.
  3. Viewer und Konverter: Grabcad hat für Teilebibliothek und Workbench einen sehr schnellen, universellen Betrachter entwickelt, der meines Wissens auch Daten zwischen CAD-Systemformaten konvertieren kann. Das passt immer zu einem Hersteller von 3D-Druckern und einem Anbieter von Services rund um den 3D-Druck.
  4. Das Personal: Hardi Meybaum ist selbst ein kluger und interessanter Kopf und ist in der Branche und bei den Journalisten sehr beliebt, wie auch mein englischer Freund und Kollege Al Dean schreibt. Hardi hat es darüber hinaus geschafft, eine beeindruckende Riege von CAD-Experten um sich zu scharen, unter anderem mit Blake Courter einen der SpaceClaim-Gründer, Jon Stevenson, Ex-CAD-General Manager bei PTC oder Stuart Reid, der vorher bei D-Cubed und SolidWorks arbeitete. Die Kollegen bei SolidSmack weisen darauf hin, dass Stratasys schon eine ganze Reihe beeindruckender Vordenker in seinen Reihen hat, beispielsweise Makerbot-Gründer Bre Pettis. Dieser hat laut SolidSmack vor kurzem sein Amt an der Spitze von Makerbot abgegeben, um einen kürzlich von Stratasys gegründeten „Innovation Workshop“ zu leiten. Mit Meybaum, Courter und Kollegen ist von diesem Innovation Workshop noch einiges zu erwarten.

Es gibt, wie man sieht, eine ganze Reihe von Gründen für diese Akquisition. Die beeindruckende Geschichte von Grabcad aus den kleinen Anfängen im Jahr 2009 bis zu diesem lukrativen Deal zeiugt wieder einmal, dass in der Computer- und auch in der CAD-Branche nach wie vor kometenhafte Aufstiege möglich sind. Wie immer, es bleibt spannend.

4 Comments

  1. Pingback:Stratasys: 3D-Drucker-Managementsoftware und neue Geräte

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