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Überraschung?! Ansys kauft Spaceclaim

In der deutschen CAx-Branche hat es sich, wie’s aussieht, noch nicht herumgesprochen, dass Ansys letzte Woche Spaceclaim gekauft hat. Der CAE-Spezialist nahm 85 Millionen Dollar in die Hand, um den CAD-Hersteller zu übernehmen. Drei Fragen drängen sich auf: Will Ansys nun den CAD-Markt erobern? Ist der Deal eine Überraschung oder war er abzusehen? Und die wichtigste Frage: Ist die Akquisition eine schlaue Entscheidung?

140506_AnsysSpaceClaim_1 Zuerst eine Antwort auf die erste Frage: Ich glaube das nicht. Die Simulationstools von Ansys benötigen, wie jedes andere CAE-System auch, gewisse Modellierfunktionen. Meist lassen sich CAD-Modelle nicht „einfach so“ in die Simulation laden, sondern sie müssen angepasst, vereinfacht, geschnitten, ergänzt werden. Oft bietet es sich auch an, nach einem Simulationslauf die Geometrie an den Stellen zu verändern, wo beispielsweise zu hohe Spannungen auftraten, und einen weiteren Lauf zu starten. Da ist der Weg über das Konstruktions-CAD-System oft zu lang. Deshalb sind CAD-Funktionalitäten für Ansys wichtig.

140506_AnsysSpaceClaim_2 Allerdings wäre es schade, wenn Spaceclaim nun im Ansys-Produktportfolio verschwinden würde. Das System hat sich über die Jahre sehr schön entwickelt, die aktuelle Version 2014 hat wieder spannende Erweiterungen zu bieten, beispielsweise im Bereich 3D-Druckvorbereitung. Spaceclaim hat sich als Prozesstool etabliert, das zwar oft nicht das Hauptsystem für die Produktentwicklung ist, aber in den vor- und nachgelagerten Prozessen zur Datenaufbereitung dient. So ist Spaceclaim unter anderem auch sehr eng in die Geomagic-Produktpalette eingebunden, wo es um Reverse Engineering geht. Übrigens hat Spaceclaim auch eine Partnerschaft mit CD-adapco; mal sehen was aus der nun wird.

Insofern glaube ich, was in der Pressemitteilung im Spaceclaim-Blog zu lesen ist:

We will continue to develop enhancements our customers have requested and continue to innovate to bring quality products and solutions to the market. Going forward, we will continue to develop, support and innovate for SpaceClaim Engineer and its modules. In fact, with ANSYS’s resources behind us, we will be better positioned to deliver industry changing products faster than we have been before.“

Ansys sagt in seiner Pressemitteilung:

With the addition of SpaceClaim, ANSYS will provide customers with a powerful and intuitive 3-D direct modeling solution to author new concepts and then leverage the power of simulation to rapidly iterate on these designs to drive innovation.”

Ich interpretiere das so, dass Ansys die CAD/CAE-Kombination als Tool für die Entwicklungsphase sieht. Das deckt sich mit den Vorteilen der direkten Modellierung, die Spaceclaim vertritt – Das Modell ändert sich schnell und radikal, Referenzen, Verknüpfungen und Modellintelligenz sind in diesem Stadium ja oft noch eher hinderlich. Steht die Produktfunktionsweise und -architektur, kann man dann in ein anderes CAD-System wechseln, das mehr Intelligenz und Verwaltungsmöglichkeiten bietet – oder gleich in die Fertigung gehen.

Zweite Frage: Überraschend oder nicht? Etwas von beidem, finde ich. Bisher leistete sich nur Altair mit Solidthinking ein eigenes CAD-System, während von den anderen großen Spielern – Ansys und MSC Software – das Thema bisher vor allem über Schnittstellen zu „fremden“ CAD-Systemen abgedeckt wurde. Dass CAD-Anbieter CAE-Systeme kaufen, ist dagegen nicht ungewöhnlich – Als Beispiele fallen mir SolidWorks und Cosmos, Dassault Systèmes und Anbaqus, Autodesk und Moldflow sowie Siemens PLM Software und Femap oder auch LMS ein.

Spaceclaim: In Version 2014 mit vielen Funktionen zum 3D-Druck (Bild: Spaceclaim).
Spaceclaim: In Version 2014 mit vielen Funktionen zum 3D-Druck (Bild: Spaceclaim).

Allerdings betreibt Ansys schon seit 2009 eine allem Anschein nach erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spaceclaim, die Software wurde als Ansys Spaceclaim Direct Modeler vertrieben. Spaceclaim ist direkt in die Ansys Workbench integriert und bidirektional assoziativ angebunden, so werden Benennungen und Parameter zwischen CAD- und CAE-System jederzeit synchron gehalten. Sicherlich wurden in der Spaceclaim-Entwicklung schon in den letzten Jahren CAE-Belange besonders berücksichtigt. Ansys hat also die bestehende Partnerschaft lediglich auf ein neues Niveau gehoben.

Und die dritte und entscheidende Frage: Ist dies ein sinnvoller Schritt? Technologisch sicher ja, wie ich in den vorigen Absätzen schon ausgeführt habe. Ansys sichert sich exklusiven Zugriff auf eine ausgereifte, schnelle und einfach zu bedienende Modelliertechnologie. Spaceclaim verbreitert und ergänzt das Ansys-Portfolio auf sehr sinnvolle Weise. Ein tieferer Einstieg in die Thematik „Topologieoptimierung/Geometrieoptimierung“ drängt sich mit den Fähigkeiten, die Spaceclaim in die Ansys-Familie einbringt, geradezu auf.

Finanziell dürfte es sich auch lohnen, mit einem innovativen Produkt aus einem schlanken Unternehmen – wie es Spaceclaim ist – lässt sich sicherlich gutes Geld verdienen, wenn das Unternehmen nicht mehr von Venture Capital-Geldgebern abhängig ist. Für Spaceclaim wiederum ist der starke Rückhalt, den ein großes Unternehmen wie Ansys bietet, ebenso wichtig. Die Cross-Selling-Möglichkeiten (Spaceclaim an Ansys-User, Ansys an Spaceclaim-User) sind sicherlich ebenfalls nicht zu verachten.

Und es wird sicherlich interessant, was der sehr hochkarätigen Führungsebene von Spaceclaim in Zukunft einfällt, wenn sie ihre Spaceclaim-Zeit hinter sich lassen – Aufsichtsratschef Michael Payne und Entwicklungsleiter Daniel Dean waren unter den Gründern von PTC, Payne auch bei der Gründung von SolidWorks dabei, der Rest der Geschäftsleitung sind ebenfalls echte CAD-Veteranen.

4 Comments

  1. Dieter Kaistra

    Hallo Ralf,

    wenn Spaceclaim zu haben war, scheint die Technologie und das Kundenpotential für die großen PLM-Anbieter nicht soviel Wert gewesen zu sein. Für Ansys ist das sicher eine gute Erweiterung.

    • Ralf Steck

      Hallo Dieter,

      es muss halt auch passen. Direktes Modelling haben alle irgendwie, die Kunden sind meist Anwender anderer Systeme, die SC „on top“ haben, also kein Riesenpotential. Die Technologie und die bestehende Partnerschaft macht es für Ansys aber eben doch interessant.

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