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Digitalisierung, Corona, Luca und Politik: Dreimal nichts verstanden

Am Sonntag war bei Anne Will „ in “ live zu besichtigen. Protagonisten waren Kanzleramtsminister Helge Braun und Rapper Smudo von den Fantastischen Vier, an der Seitenlinie Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar. Thema war die von Smudo mitentwickelte Luca App und wie eine schnelle, digitale Kontaktverfolgung neben anderen Maßnahmen eine Lockerung des Lockdown ermöglichen könnte. Die Diskussion zeigte exemplarisch, warum Digitalisierung in Deutschland nicht funktioniert und warum Großprojekte scheitern, sobald der Staat die Finger im Spiel hat. Was bisher vor allem ärgerlich war und den Standort Deutschland bremste, könnte jetzt das Zünglein an der Waage zwischen 3. Welle und langsamer wirtschaftlicher Erholung sein.

(v.l.) Michi Beck (Fanta 4), Marcus Trojan (Culture4Life), Patrick Henning (Nexenion) und Smudo (Fanta 4) (Bild: Luca/Jens Oellermann).
Die -Initiatoren (v.l.) Michi Beck (Fanta 4), Marcus Trojan (Culture4Life), Patrick Henning (Nexenion) und Smudo (Fanta 4) (Bild: Luca/Jens Oellermann).

Das Berliner Startup nexenio, das Forschungsprojekte des Hasso-Plattner-Instituts in Produkte übersetzt, hat mit den Stuttgarter Rappern der „Fantastischen Vier“ einen Partner gefunden, die ganz persönlich Interesse am Erfolg der App haben, denn sie würde Konzerte auch unter Pandemiebedingungen wieder möglich machen. Der völlige Shutdown der Kultur, der ja mehr oder weniger schon ein Jahr dauert, könnte mit Luca gelockert, wenn nicht beendet werden.

Luca ist im Prinzip ein sehr einfach nutzbares digitales Kontakt-Tagebuch. Man scannt beim Betreten und Verlassen von Restaurants, Geschäften, Bussen und Bahnen einen QR-Code, der dort jeweils angebracht ist. Zudem können private Treffen durch Erstellen eines Treffens, dessen QR-Code die anderen Teilnehmer scannen, in der App dokumentiert werden.

Wird man -positiv getestet, kann man seine Kontakthistorie aus Luca direkt für das Gesundheitsamt freigeben. Das Gesundheitsamt wiederum kann diese Historie zur Kontaktverfolgung nutzen. Wird ein zweiter Kontakt zur selben Zeit an derselben Location positiv getestet, lassen sich Ausbrüche schnell erkennen. Die Zettelwirtschaft in Lokalen wäre erledigt, Ansteckungen im ÖPNV ließen sich besser erkennen und damit Lockerungen absichern.

So weit, so sinnvoll. Im Vergleich zur offiziellen Corona App, die zwar seit neuestem ein Tagebuch enthält, das aber komplett manuell geführt werden muss, ein großer Fortschritt. Die Luca-Macher stehen in den Startlöchern und es scheint, auch die Bevölkerung – zumindest brach der Luca-Anmeldeserver nach der Sendung zusammen, weil sich über 350.000 Personen gleichzeitig anmelden wollten.

Luca App: Einrichtung
In wenigen Schritten ist die Luca App eingerichtet und personalisiert (Bild: Luca).

Helge Braun brachte das nicht aus der Ruhe, er referierte, wie er seit einem Jahr versucht, das digitale System Sormas in den Gesundheitsämtern einzuführen. Sei das geschehen, könne man sich ja dann um Schnittstellen kümmern, um „Apps verschiedener Anbieter“ anzuschließen. Smudo warf ein, dass man nicht auf Sormas angewiesen sei, sondern im Notfall die Daten auch per Fax an die Ämter weitergeben könne – das scheint ja immer noch der bevorzugte Kommunikationskanal dort zu sein.

Das zeigt exemplarisch, wie wenig Braun und die Bundesregierung die Digitalisierung verstanden haben in diesem Fall erstens den Plattformeffekt. Natürlich macht das ganze System erst richtig Sinn, wenn eine einzige App zum „Generalschlüssel“ wird – welcher Ladenbesitzer wird sich 20 QR-Codes für ebenso viele Apps an den Eingang tackern? Natürlich ist das nicht unbedingt gerecht – aber so funktioniert Digitalisierung eben. WhatsApp ist nicht so erfolgreich, weil es so toll ist, sondern weil es „alle“ haben. Ebenso funktioniert das mit der Luca App – entweder ganz oder gar nicht (beziehungsweise schlecht).

Kontaktaufzeichnung in der Luca App
Jeder Checkin wird aufgezeichnet und hilft bei der Kontaktverfolgung (Bild: Luca).

Yogeshwar warf ein, dass erstens Corona-App und Luca nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen und regte darüber hinaus sogar noch an, die Luca App in die Corona-App zu integrieren. Das empfand Braun dann als Angriff. Zum zweitenmal falsch – Interoperabilität und Datenweitergabe zwischen Systemen sind Grundvoraussetzungen der Digitalisierung.

Und am Ende: Wenn wir warten, bis sich die Gesundheitsämter aller Landkreise in allen Bundesländern geeinigt haben, Luca einzusetzen, und dann im Bundesauftrag mit der Schnittstellenentwicklung beginnen, ist wahrscheinlich die Herdenimmunität nach der fünften oder sechsten Coronawelle erreicht. Das ist der dritte Irrglaube in Zeiten der Digitalisierung: 100%-Lösungen sind nicht mehr erreichbar, man beginnt – ganz agil – mit Teilfunktionalitäten und fügt in rascher Folge Funktionen und Bereiche hinzu. Die Politik denkt dagegen heute noch in monolithischen Großprojekten.

Also: Luca App als „System der Wahl“ in der Konferenz von Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin festlegen, Einzelhandel und Gastronomie sind sicher mehr als glücklich, eine Lösung zu haben. So können wir die Durststrecke, bis genügend Menschen geimpft sind, überbrücken, ohne Kultur, Handel und Gastronomie vollends zu verlieren.

Noch ein Lesetipp zum Thema: Sascha Lobo auf Spiegel Online zum Thema Merkel und Digitalisierung.

Und nun träumen wir alle eine Runde von Urlaub und einem Tag am Meer, bitte:

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2 Kommentare

  1. Ralf

    Ralf, absolut meine Meinung! Und gut zusammengefasst.
    Hier in RV gibt es schon einige Einzelhändler die Luca einsetzen, auch in der Hoffnung Druck zu machen.
    Die App funktioniert, ist durchdacht und sicher. Ich hoffe, dass nach Freiburg noch viele Gesundheitsämter einsteigen.
    Selbst eingesetzt im Laden meiner Frau, hoffe ich dass mit intelligenten Mitteln unsere Gesundheitsämter entlastet und die persönliche Freiheit wieder hergestellt werden kann.

    Lg,
    Ralf

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