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Mechatronik nimmt Gestalt an: Autodesk kauft Eagle-Entwickler

Seit langem wundere ich mich, dass praktisch alle CAD-Hersteller nicht müde werden, von Mechatronik, Industrie 4.0 und IoT zu sprechen, ohne die Werkzeuge tatsächlich an Bord zu haben. Zwar haben die meisten Hersteller eine Elektrotechnik-Lösung im Angebot, beispielsweise um Schaltschränke zu entwickeln, der Elektronikbereich ist jedoch völlig vakant – mit der Ausnahme SolidWorks PCB. Nun hat Autodesk Nägel mit Köpfen gemacht und die CadSoft Computer GmbH gekauft, die hinter dem weitverbreiteten Elektronikentwicklungssystem Eagle steckt.

Die Schaltplanansicht in Eagle, sehr übersichtlich und gut zu bedienen.
Die Schaltplanansicht in Eagle, sehr übersichtlich und gut zu bedienen.

Die CadSoft Computer GmbH sowie die CadSoft Computer US, eine Handels-Division der Newark Koorporation, sind seit der Übernahme im Jahr 2011 Tochtergesellschaften des englischen Konzerns Premier Farnell plc. Dieser wiederum ist einer der weltweit führenden Distributoren für elektronische Bauelemente und industrielle Produkte und wurde erst vor wenigen Wochen von der Dätwyler Holding AG übernommen, einem Industrie-Zulieferer-Konzern aus der Schweiz. Farnell wird Eagle auch weiterhin vertreiben.

Die Software vereint die Module Schaltplan-Editor, Layout-Editor sowie Autorouter auf einer gemeinsamen Oberfläche. Der Name Eagle bedeutet Einfach Anzuwendender Grafischer Layout-Editor (engl.: Easily Applicable Graphical Layout Editor). Open Source User-Language-Programme (ULPs) ermöglichen es, den Funktionsumfang zu erweitern, zum Beispiel für den Import und Export von Daten, Simulation sowie zur Erstellung benutzerdefinierter Befehlsabfolgen. Die integrierte DesignLink-Schnittstelle bietet direkten Zugriff auf über 4 Millionen Produkte aus dem Portfolio von element14, Newark und Farnell. Das Programm ist in der Industrie weit verbreitet und wird auch von Privatanwendern gerne genutzt, für die eine funktionsreduzierte, freie Version verfügbar ist.

Eagle und Fusion 360 flirten seit Ende 2015

Laut Monica Schnitgers Blog begann die Partnerschaft zwischen Autodesk und CadSoft Ende 2015. Die beiden Unternehmen arbeiteten zusammen, um Eagle an Fusion 360 anzubinden. Als dritter Partner war element14 im Boot, die ebenfalls eine Tochter von Farnell sind. Mit der Kooperation wurden Schnittstellen entwickelt, die es Entwicklern ermöglichen, ihre Elektronikdesigns direkt in Fusion 360 laden können – je nach Bedarf als einfache geometrische Repräsentation oder als detailliertes Modell.

Fusion 360: Cloud-affines Modelliersystem mit großen Möglichkeiten (Bild: Autodesk).
Fusion 360: Cloud-affines Modelliersystem mit großen Möglichkeiten (Bild: Autodesk).

Wie Monica so schön schreibt: „Es scheint, dass die Partnerschaft so erfolgreich war, dass beide Beteiligten beschlossen, nicht mehr nur miteinander auszugehen, sondern zu heiraten.“ Für mich ist die Akquisition ein weiterer Geniestreich von Autodesk, die in der 360-Serie damit einen kompletten mechatronischen Workflow von der Mechanik- und Elektronik-Entwicklung über PDM/PLM und Simulation bis hin zu CAM anbieten.

Mir begegnet Eagle sehr oft, wenn ich im Rahmen von Anwenderbericht-Interviews Firmen besuche, als Elektronikentwicklungstool. Ich habe sogar schon selbst damit „herumgespielt“, war aber von der eher antik anmutenden Oberfläche nicht überzeugt. Hier hat Autodesk noch einige Arbeit zu leisten, um Eagle auch in Bezug auf die Benutzerschnittstelle in die sehr moderne 360-Oberfläche zu integrieren. Und im Gegensatz zu SolidWorks PCB ist die Datenübergabe, soweit ich versstanden habe, noch unidirektional. Es wartet also noch Arbeit auf Autodesk, andererseits ist das Unternehmen weiter als viele Mitbewerber – man hat immerhin schon einmal die Elektronikentwicklung im eigenen Portfolio.

Hier noch ein Video, das die Zusammenarbeit von Eagle und Fusion 360 zeigt:

3 Comments

  1. Dr. Steven Vettermann

    Guter Artikel! Ich bleibe aber aus einem ganz anderem Punkt daran hängen: Er beschreibt für mich ein wunderbares Beispiel, für die Frage, warum IT, gerade im ECAD-Bereich, so teuer ist. Gerne werden die Unzulänglichkeiten von Standards wie IDF und anderen hochgehalten, um Direktkopplungen oder Hybride zu empfehlen. Und schwupps hängt man an „der Nadel“. ProSTEP iViP stellt deshalb einen Standard bereit, der ECAD/MCAD Collaboration unterstützt. Cadence, DS, Mentor, PTC, SPLM und andere unterstützen schon dieses EDMD IDX Format (PSI 5). Aber sicher, es geht auch proprietär ;-)

  2. Michael Wendenburg

    Hallo Ralf,

    Deine Analyse, was die Lücke zwischen Anspruch und Produktpalette der CAD-Hersteller anbelangt, ist zutreffend. Aber ich glaube nicht, dass Autodesk oder irgendein anderer Mechanik-CAD-Hersteller daran etwas durch den Zukauf einer Firma ändern wird. Das hat schon mit anderen Themen wie Design/Styling oder Simulation nicht geklappt. Es fehlt den „Mechanikern“ einfach das Fingerspitzengefühl für diese Themen. Dies umso mehr, als es mit denm Kauf eines ECAD/EDA-System ja nicht getan ist. Was ist denn mit der Software, die heute alles steuert und die uns – wie Du kürzlich in einem Blogbeitrag über Tesla und die Gefahren des Autonomen Fahrens so schön dargelegt hat – das Leben kosten kann.

    Die PLM-Hersteller sollten endlich aufhören, alle möglichen Mitbewerber aufzukaufen, um ihre eierlegenden Wollmilchsäue auch noch um die Tofu-Produktion zu erweitern. Was wir brauchen, da hat Steven völlig recht, sind offene und integrationsfähige Lösungen für die jeweiligen Disziplinen. Kein PLM-Hersteller wird künftig alle Funktionalität aus einer Hand anbieten können, und vor allem nicht in der erforderlichen Qualität. Und kein vernünftiger Anwender wird alles aus einer Hand kaufen wollen.

    Gruß, Michael

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