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Augmented Reality: PTC erweitert die Realität

Mit großem Aufwand hatte PTC eine Präsentation angekündigt, die gestern um 15:00 Uhr deutscher Zeit in Boston lief und zeitgleich gestreamt wurde. Der sogenannte ThingEvent stellte das Thema „Augmented Reality für Unternehmen“ vor, die PTC-Granden Jim Heppelmann und Mike Campbell hatten einige beeindruckende Kundenbeispiele dabei, unter anderem von KTM, Caterpillar und Schneider Electric. Der Kauf des Augmented-Reality (AR)-Spezialisten Vuforia scheint einen ähnlichen Einfluss auf die Stoßrichtung zu haben wie der Kauf von ThingWorx – anders gesagt, AR rundet die neue „Botschaft“ von PTC, die mit der Hinwendung zu IoT eine große Wendung erfahren hatte, erst richtig ab.

Heppelmann verspricht magische Momente - und hält Wort (Alle Bilder: PTC).
Heppelmann verspricht magische Momente – und hält Wort (Alle Bilder: PTC).

„Wenn 3D-CAD auf IoT und AR trifft, entsteht Magie“ – so führte Jim Heppelmann in seine Präsentation ein. Der Kauf von Coldlight, einem Anbieter von Software für automatisierte Big Data-Analysen sowie von ThingWorx und Axeda, zwei Unternehmen, die die Basissoftware für Internet of Things (IoT)-Applikationen entwickelten, war der erste Schritt, den PLM-Anbieter PTC neu zu erfinden. Vuforia als Anbieter von Anwendungen, mit denen Augmented Reality-Software entwickelt wird, ist die Abrundung dieser Strategie.

Heppelmann präsentierte ein Augmented Reality-Armaturenbretts eines Autos, das, ohne Brille betrachtet, lediglich aus einer Platte mit einem Logo besteht. Setzt man eine AR-Brille auf, so sieht man ein komplettes Armaturenbrett mit Tacho, Drehzahlmesser und anderen Anzeigen. Da diese Informationen lediglich ins Sichtfeld eingeblendet werden, lassen sie sich blitzschnell im Design anpassen. „Vielleicht werden wir in Zukunft unser eigenes Cockpit in andere Autos mitbringen“, so Heppelmann.

160129_PTC_ThingEvent_2Ich glaube zwar, dass man mit Hilfe von AR das klassische Anzeigeinstrument eher zugunsten direkt in die Windschutzscheiben-Ansicht eingeblendeter Informationen aufgeben wird. Nichtsdestotrotz ist das Armaturenbrett eine klug gewählte Analogie – Informationen, die rein mit den Augen nicht zugänglich sind, werden in das Sichtfeld eingeblendet. Zusammen mit IoT, das diese Daten in Echtzeit liefert, und 3D-Modellen zur Visualisierung und Einbettung der Daten entsteht tatsächlich ein Werkzeugkasten, der das Zeug zu einem Technologiesprung hat. Der neue Corporate Slogan „Take a fresh look at Things“ reflektiert das.

Heppelmann hat Recht, AR ist die logische und natürliche Ergänzung zu IoT und PLM. Doch bisher fehle etwas: „Wir haben die Hardware, aber die Applikationen fehlen.“ Nun sei die Zeit gekommen, AR, das bisher eher im Unterhaltungsbereich verortet war, in den Arbeitsbereich zu bringen. Mike Campbell, Executive Vice President, Digital Twin bei PTC, übernahm die Präsentation einiger Kundenbeispiele, in denen die praktische Umsetzung gut zu sehen war.

160129_PTC_ThingEvent_1Jens Tuma vom österreichischen Motorradhersteller präsentierte eine Applikation, mit deren Hilfe Servicetechniker die Maschinen reparieren können. Statt dicke Handbücher zu lesen, scannen die Mechaniker ein Label an der Maschine und bekommen dann nicht nur die Fehlerbbeschreibung des Kunden – „rote Lampe blinkt“ – sondern auch die potentielle Problemquelle – die Lambdasonde – und deren Einbauplatz direkt im Motorrad angezeigt. Daraufhin erscheint auf dem Bildschirm – immer eingeblendet in das reale Kamerabild – eine genaue Animation, wie die Blende, hinter der sich die Lambdasonde befindet, abgeschraubt wird.

David Yarnild von PTC-Partner Servicemax betonte den extremen Einfluss, den IoT und AR auf das Thema Service haben – genaue Informationen direkt aus der Maschine, visuelle Unterstützung des Wartungsmitarbeiters.

Im technischen Teil wurde Vuforia von General Manager Jay Wright vorgestellt. Das Unternehmen entwickelt Software, mit der wiederum Augmented Reality-Applikationen erstellt werden. Inzwischen entstanden über 25.000 Applikationen, die über 230 Mio. Mal installiert wurden. Die Entwickler, die Vuforia nutzen, sitzen in der gesamten Welt, mit einem Schwerpunkt von 25 Prozent in Europa.

Das Vorgehen beim Erstellen einer AR-App teilt sich grob in drei Schritte auf:

  • Das Ziel definieren, also den visuellen Inhalt, wo der AR-Inhalt erscheinen soll
  • den AR-Inhalt erstellen und
  • die App erstellen.

Augmented Reality auf Windows 10 und mit schönen Markern

Statt hässlicher Barcodes dient die VuMark als Marker für die AR-Applikation.
Statt hässlicher Barcodes dient die VuMark als Marker für die AR-Applikation.

Vuforia kann im dritten Schritt verschiedene AR-Engines einbinden, standardmäßig wird die Unity-Engine genutzt. Diese ist auf verschiedenen Plattformen lauffähig, so dass die Apps auf einer Vielzahl von Geräten laufen können. Als Neuheit kommt zu Android und iOS nun auch Windows 10 hinzu, was die Nutzung der Surface-Geräte von Microsoft und anderer Tablets und Notebooks mit dem MS-Betriebssystem ermöglicht. Damit lässt sich nun auch Visual Studio nutzen, um AR-Anwendungen zu erstellen.

Statt hässlicher Barcodes oder QR-Codes, die bisher zum Auslösen und zur Ortsbestimmung der AR-Apps genutzt werden, stellte Vuforia gestern die VuMark vor, eine Technologie, mit deren Hilfe sehr gut an Firmenlogos angepasste Tags erzeugt werden können. Im Prinzip wird in den Rand eines Logos ein Code integriert, der als gezackte Linie sichtbar ist. VuMarks lassen sich mit einer Vuforia-Erweiterung in Adobe Illustrator erzeugen und können sogar Seriennummern enthalten. So lassen sich einzelne Geräte sicher identifizieren.

Mike Campbell stellte die neue, ab Sommer erhältliche ThingX-Softwaresuite vor. Diese soll einen wichtigen Missstand beseitigen: Bisher musste für jedes IoT-Gerät eine eigene App auf Smartphone, Tablet oder Datenbrille installiert werden. ThingX besteht aus dem ThingBrowser, der Software, die auf dem Smartphone installiert wird und das das jeweilige Gerät automatisch erkennt, und dem ThingServer, der dann jeweils die richtige Oberfläche – genannt Experience – zum Download anbietet. Auch der Content kommt dann beim Nutzen der App vom Thingserver. Dabei können durchaus mehrere Experiences für ein Gerät existieren: Campbell zeigte dies am KTM-Motorrad, bei dem je eine Experience für den Fahrer und den Servicetechniker angeboten wurde – der Zugang zu den Experiences lässt sich über Berechtigungen steuern.

160129_PTC_ThingEvent_3Anhand einer USV von Schneider Electric wurden noch einmal die Fähigkeiten von Augmented Reality gezeigt: Beim Blick in den Serverschrank werden auf die Frontblende der USV zum einen die aktuellen Betriebsdaten – IoT – eingeblendet, zum anderen ein Warn-Icon, das nach dem Antippen anzeigte, dass die Batterien getauscht werden müssen. Diese lassen sich dann optimalerweise gleich in der AR-Experience bestellen, zudem wird gezeigt, wie man die Batterien tauscht – immer auf dem realen Bild der USV.

ThingBuilder heißt die ebenfalls neue Entwicklungsumgebung, in der sich, ohne eine Codezeile zu tippen, AR-Anwendunge zusammenklicken lassen – ähnlich wie in Visual Basicoder Scratch.

Das komplette Video der Veranstaltung kann hier angesehen werden.

Ich finde, PTC hat gezeigt, dass die Konzentration auf IoT, die man im Unternehmen seit einer Weile hat, kein Strohfeuer ist, sondern Heppelmann mit seiner Mannschaft das Portfolio schrittweise und planvoll ausbaut. Augmented Reality und Vuforia finden darin einen logischen Platz und ermöglichen beeindruckende Anwendungen. Es ist zu hoffen, dass PTC den Teil des Portfolios, aus dem das Unternehmen herkommt, nicht vernachlässigt. Dann bietet man Unternehmen eine umfassende Lösung, die modernste Technologien erschließt.

 

2 Comments

  1. Rainer

    Hi,
    ich war im Urlaub als das Event statt fand und finde euern Überblick super. Auch das Video muss ich mir nochmal anschauen. Eine Zwei Sachen die mir im Artikel aufgefallen ist:
    1. „Statt hässlicher Barcodes oder QR-Codes, die bisher zum Auslösen und zur Ortsbestimmung der AR-Apps genutzt werden…“
    Wir nutzen AR (u.a. die Vuforia Engine) schon eine Weile und AR funktioniert schon seit Jahren auch mit sogenannten Image-Markern. Sprich es muss nicht ein Barcode oder QR-Code sein. Oder verstehe ich euch da nicht richtig.
    2. „Vuforia kann im dritten Schritt verschiedene AR-Engines einbinden, standardmäßig wird die Unity-Engine genutzt.“ Das mit der „AR-Engine“ ist verwirrend und sollte nur „Engines“ heißen. Unity an für sich ist eine Game-Engine und Vuforia kann mit der Game-Engine zusammen verwendet werden.
    Beste Grüße

  2. Pingback:Digitalisierung: "Sicher ist, dass nichts sicher ist."

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