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Notre Dame de Paris: Die digitale Kirche steht noch

Wohl niemand haben die Bilder der brennenden Kirche kalt gelassen. Mich bedrückt vor allem der unwiederbringliche Verlust von Kulturgütern, die unsere Vergangenheit lebendig und erlebbar machen. Die gute Nachricht: Tatsächlich existiert so etwas wie ein Backup der Notre Dame de Paris in Form einer kompletten -Punktewolke. Nun könnten diese Daten, die zu Forschungszwecken erhoben wurden, extrem wertvoll werden, um die Auswirkungen des Brands zu beurteilen und die Kirche wieder zu errichten.

Notre Dame de Paris brennt – zum Glück existiert ein digitales Backup (Bild: Wikimedia, Remi Mathis)

Im Nachhinein und wenn man die Bilder der brennenden Kirche gesehen hat, ist es geradezu erstaunlich, wie übersichtlich die Schäden sind. Zum einen hat offensichtlich die Feuerwehr einen Superjob gemacht und vor allem verhindert, dass die Haupttürme von den Flammen erfasst wurden. Nach Aussage wäre Notre Dame, wenn die tonnenschweren Glocken in den hölzernen Glockenstühlen abgestürzt wären, nicht mehr zu retten gewesen.

Zudem weist der Wikipedia-Artikel zum Brand darauf hin, dass Kirchenbrände vor allem im Mittelalter, als die Kirchen mit offenen Flammen beleuchtet wurden, nichts völlig Ungewöhnliches waren. Anscheinend haben die Erbauer der Notre Dame diese Erfahrungen berücksichtigt und insofern vorgesorgt, dass das steinerne Gewölbe die Kirche vor dem brandgefährdeten Holz-Dachstuhl trennt. Allerdings sind nun diese steinernen Gewölbe, die aus Kalkstein bestehen, selbst einsturzgefährdet, weil der Kalkstein unter Hitze seine Festigkeit ebenso verliert wie gegebenenfalls vorhandene eiserne Zuganker und Abstützungen.

Ein National-Geographic-Film zeigt Professor Tallon und seine Arbeit mit Laserscans.

Vor jedem Wiederaufbau steht allerdings die Aufnahme der Schäden und die Planung. Das ist bei mittelalterlichen Gebäuden besonders schwierig, weil üblicherweise keine oder nur idealisierende Originalpläne existieren. Allerdings sind Münster und Kathedralen keine Gebäude, die jemals fertig werden. Ich kenne das Ulmer Münster ganz gut und ich weiß, dass dort eine Vielzahl von detaillierten und Übersichtsplänen existieren, die im Verlauf der Bautätigkeiten zur Vollendung des Münsters im 19. Jahrhundert und der danach nie endenden Restaurierungen entstanden. Auch Notre Dame wurde nach 1844 umfassend restauriert, deshalb werden sicherlich Pläne existieren, die heutigen Anforderungen nahekommen.

Das digitale Scanmodell von Notre Dame besteht aus Millionen von Punkten (Bild /Vassar).

Noch besser: offensichtlich wurde Notre Dame ausgiebig 3D-gescannt – es existiert offensichtlich so etwas wie ein digitaler Zwilling der Kirche. Meine geschätzte Kollegin Monica Schnitger hat einen Artikel im Lidar News-Blog gefunden, in dem berichtet wird, dass der verstorbene Professor für mittelalterliche Kunst, Architektur und Akustik Andrew Tallon die berühmte Kirche in den Jahren ab 2005 digital vermessen hat. Einen Eindruck von der Detailgenauigkeit geben seine öffentlich erlebbaren Scans der Kathedrale von Bourges.

Ein ausführlicher Bericht findet sich hier, weitere Informationen habe ich beim Schweizer Blick gefunden. Dort wird erwähnt, dass Tallon über 50 Einzelscans mit einer 3D-Genauigkeit von fünf Millimetern aufnahm. Auf Youtube findet sich ein 3D-Video, das Tallon auf dem Dach von Notre Dame aufnahm.

Erst eine Woche vor dem Brand wurde das komplette 3D-Modell der Notre Dame de Paris fertiggestellt. Professor Tallon erlebte den Brand nicht mehr, er starb im November 2018 im Alter von 49 Jahren an einem Hirntumor. Er hinterlässt unter anderem mit dem Projekt „Mapping Gothic France“ einen unschätzbaren Datenbestand aus Fotos, Scans und 360-Grad-Bildern, die nun ganz neue Bedeutung bekommen.

 

 

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