Menu Close

Streibich beim Prostep Symposium: „Wir haben alle Chancen, aber wenig Zeit!“

Den Abschlussvortrag am ersten Tag des Prostep ivip Symposiums bestritt mit Karl-Heinz Streibich ein Schwergewicht der deutschen IT-Szene. Er sprach über die Zukunft der deutschen Industrie im Zeitalter der digitalen Transformation und hatte konkrete Vorschläge, wie sich Deutschland für die Zukunft fit machen kann.

Karl Heinz Streibich beim Prostep Symposium
Engagierter Kämpfer für den Erfolg der deutschen Wirtschaft in der digitalen Transformation: Karl-Heinz Streibich.

Nach leitenden Funktion bei der Debis und T-Systems war Streibich als CEO und Aufsichtsratsvorsitzender der Software AG tätig, inzwischen ist er in den Aufsichtsräten der Deutschen Telekom, der Dürr AG und der Deutsche Messe AG vertreten sowie in verschiedenen weiteren Posten in Gremien rund um IT und Technik tätig, beispielsweise im Bitkom, in der Plattform „Digitale Administation und öffentliche IT“ sowie im Deutschen Exzellenzcluster für Software. Und nicht zuletzt ist er seit Mitte 2018 Präsident der Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften.

Zunächst lobte Streibich den Prostep-Verein für seine Arbeitskultur. Im Gegensatz zu vielen Bereichen der Industrie, in denen große Marktteilnehmer ihre eigenen Formate und Vorstellungen als „Industriestandard“ durchdrücken, sei das Arbeiten des Prostep-Vereins von Kooperation und Kommunikation geprägt.

Streibichs wichtigste Aussage war: „Wir müssen die zweite Halbzeit der Digitalisierung gewinnen!“ Nachdem vor allem US- aber auch chinesische Firmen wie Facebook, Amazon oder auch Weibo die erste Halbzeit mit dem Aufbau der Plattformökonomie im Consumerbereich gewonnen hätten, sei es überlebenswichtig, die zweite Halbzeit – Plattformökonomie im Businessbereich – zu gewinnen. Das fatale an der neuen Ökonomie ist nämlich, dass es keinen Zweiten gibt – wer vorn ist, frisst alle Konkurrenten oder blutet sie aus.

Ein wichtiges Merkmal der digitalen Ökonomien sei nämlich, dass die Grenzkosten gegen Null gehen – ist eine Plattform erst etabliert, kosten weitere Teilnehmer praktisch nichts. Damit ist es für Nachzügler oder kleinere Netzwerke kaum möglich, auf den Spitzenreiter aufzuholen – dieser kann praktisch unendlich wachsen und zieht gleichzeitig weitere User an, je mehr User sich für ihn entschieden haben. Ganz schön ist das am „WhatsApp-Dilemma“ zu verfolgen: Viele würden gerne zu einem der – in vielen Punkten besseren – Konkurrenten wie Threema oder Telegram wechseln. Da aber „alle“ bei WhatsApp sind, macht das Wechseln keinen Sinn, denn dann würde man seine sozialen Kontakte verlieren.

Ein zusätzlicher Verstärker für die Plattformökonomie sei laut Streibich die künstliche Intelligenz (KI). Er sieht sie als einen der Innovationstreiber der nächsten Jahre. KI benötige große Datenmengen, um angelernt zu werden – und daran mangelt es den Champions der Consumerplattformen wahrlich nicht.

KI und digitale Transformation: „Die Datenverklemmtheit muss aufhören!“

Bei Businessdaten sieht es allerdings anders aus, da haben derzeit die – oft deutschen – Maschinenbauer die „Datenhoheit“. Allerdings sind dies jeweils firmenspezifische Daten, die für das Trainieren einer KI zu einseitig oder „monothematisch“ sind. Streibich schlägt deshalb die Schaffung eines deutschen oder besser europäischen Open Data Consortium vor, das vorwettbewerbliche Basisdaten sammelt und diese unter bestimmten Bedingungen bereitstellt. So hätten die deutschen und europäischen Unternehmen einen gemeinsamen Datenpool, aus dem sie für ihre innovativen Ansätze schöpfen können.

„Schluss mit der Datenverklemmtheit!“

Weiter schlägt Streibich eine mehrstufige Forschungslandschaft vor mit vier bis fünf Basisforschungszentren, acht bis neun Branchenzentren, die die Forschungsergebnisse der Basiszentren verwerten und schließlich Excellence Center, in denen die Umsetzung in echte Produkte passiert. Man müsse auch den DAX-Konzernen klarmachen, dass es keinen Sinn macht, jeweils in eigene Lösungen zu investieren, denn auch diese sind jeweils zu klein, um in der digitalen Transformationden Markt an sich zu ziehen.

Streibich nannte Punkte, die notwendig sind für einen Erfolg:

  • „Wir müssen den Prostep-Geist auf die Produktion übertragen!“ Gemeinsame Standards auch in der Produktion und den dazu gehörenden Datenströmen seien eine Voraussetzung für den Erfolg in der Plattformwelt.
  • Bei der Künstlichen Intelligenz müsse Deutschland so virtuos werden wie im Maschinenbau und in Produktionsprozessen.
  • Datenräume wie oben angesprochen bilden die Grundlage jeder Forschung.
  • Sehr wichtig ist es, die Bevölkerung von Beginn an mitzunehmen, damit mit der digitalen Transformation nicht dasselbe geschehe wie bei der Gentechnik, in der Deutschland einst führend war, bis die Ablehnung in der Bevölkerung das Forschungsgebiet in die Schmuddelecke beförderte und Deutschland den Anschluss verlor.
  • Firmen, Verbände und Politik müssen an einem Strang ziehen
  • Die Initiativen müssen auf Europa ausgeweitet werden
  • Der öffentliche Bereich in Deutschland müsse als Vorbild in der Digitalisierung vorangehen
  • und schließlich müsse die Bildung unserer Kinder angepasst werden – „IT-Unterricht soll nicht die Bedienung von iPads lehren, sondern Basiswissen.“

Streibich schloss seinen Vortrag mit dem ermutigenden Aufruf „Wir haben noch alle Chancen, aber nicht mehr viel Zeit!“ Ich hoffe sehr, dass er mit seinen Thesen bei Politik und Großindustrie Gehör findet, der Mittelstand ist sicher bereit, solche Initiativen mitzumachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.